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Boeing Field nach Xiamen zu reisen gedachten.
An alledem war, wie ihr klar wurde, nur die bürokratische Trägheit schuld. Indem sie kurzerhand das Flugzeug nach Vancouver genommen hatte und nach Seattle gezischt war, war sie einen vollen Tag, bevor man sie erwartet hatte, und außerdem noch kurz vor dem Ende normaler Geschäftszeiten im Büro des FBI erschienen. Marcella war länger geblieben, um sie höflich willkommen zu heißen und ihr zu versprechen, dass sich am nächsten Tag etwas tun würde. Marcellas ganze Aufmerksamkeit war auf die Jagd nach Jones konzentriert gewesen. Olivias Vorschlag, mit Richard Forthrast Kontakt aufzunehmen, war – immer vorausgesetzt, man hatte ihn überhaupt wahrgenommen – im Eingangskorb irgendeiner anderen Person gelandet und wahrscheinlich noch nicht einmal gelesen worden. Denn wenn jemand, der etwas zu sagen hatte, ihn gelesen hätte, hätte man ihr verboten, mit Richard Forthrast zu reden, oder darauf bestanden, jemanden von ihrer eigenen Organisation mitzuschicken.
Aber wie es sich traf, stand Richard Forthrasts Flugzeug auf dem Rollfeld von Boeing Field, und es gab nichts, was sie daran hindern konnte, hinzufahren und mit ihm zu reden.
Als Zulas mobile Gefängniszelle fertig und die Tür zugeknallt worden war, blieb mehrere Tage lang die Zeit stehen. Das verschaffte ihr reichlich Gelegenheit, sich selbst dafür zu hassen, dass sie nicht geflohen war, als sie die Chance dazu gehabt hatte.
Jedenfalls eine gewisse Chance. In der Zeit, in der sie beim Walmart geparkt hatten, vor dem Kauf des Holzes und dem Bau der Zelle, hätte sie theoretisch in die Duschkabine gehen und das um die Haltestange geschlungene Ende der Kette lösen können. Sie hätte dann versuchen können, zur Seitentür zu stürzen, und hätte diese vielleicht so lange aufbekommen, dass sie hätte um Hilfe schreien und jemanden auf sich aufmerksam machen können. Oder sie hätte in den Schlafraum zurückgehen, ein Fenster raustreten und hinausspringen können. Sobald man sie in die Zelle eingeschlossen hatte, fiel es ihr leicht, sich einzureden, dass sie eines von beiden hätte tun sollen und dass sie, weil sie es nicht getan hatte, so etwas wie eine Idiotin oder ein Feigling war.
Aber – wie sie sich immer vor Augen halten musste, bloß um nicht den Verstand zu verlieren – sie hatte keine Ahnung gehabt, dass die Terroristen planten, das Heck des Fahrzeugs in eine Gefängniszelle zu verwandeln. Sie war davon ausgegangen, dass sie sehr viel länger gefesselt bleiben würde und den richtigen Augenblick abwarten konnte, wenn alle schliefen oder abgelenkt waren. Ein impulsiver Fluchtversuch hätte vielleicht ihre einzige Chance zunichtegemacht.
Am Tag nach dem Halt bei Walmart hörte sie auf der anderen Seite ihrer Zellentür undeutlich neuerliches Sägen und Hämmern.
Nach vorn führte ein etwa zweieinhalb Meter langer, schmaler Korridor mit Türen in den Seitenwänden, die zur Toilette und zur Dusche führten. Das waren getrennte Räume, nicht viel größer als Telefonzellen. Von den beiden lag die Toilette weiter vorn. Als sie das nächste Mal ihre Zellentür öffneten, stellte Zula fest, dass Jones und Sharjeel ein neues Hindernis im Korridor gebaut hatten, das vor der Toilette, aber hinter der Duschkabine lag. Es handelte sich um eine Art Gatter, bestehend aus einem mit Scharnieren versehenen Rahmen aus Kanthölzern, auf den ein Streckgitter genagelt war. Damit hatte Zula, wann immer sie wollte, direkten Zugang zur Toilette. Das Gatter verhinderte, dass sie weiter nach vorn ging. Es enthob die Dschihadisten der Notwendigkeit – die sie, ihrem Gehabe nach zu urteilen, äußerst lästig fanden – ab und zu die Tür aufzumachen, damit Zula herauskommen und die Toilette benutzen konnte. Umgekehrt hinderte es sie daran, ihrerseits die Toilette aufzusuchen, sofern sie nicht das Vorhängeschloss am Gatter öffneten und Zulas Teil des Fahrzeugs betraten. Das passierte allerdings nur selten, da sie sich angewöhnt hatten, die Duschkabine als Pissoir zu benutzen und zu spülen, indem sie die Dusche einige Augenblicke lang laufen ließen. Sie brauchten also nur für das große Geschäft durch das Gatter zu kommen.
Diese Neuerung sorgte für eine erhebliche Verbesserung von Zulas Lebensqualität, denn sie ermöglichte ihr, mitten auf dem Bett sitzend, das ganze Wohnmobil entlang- und zur Windschutzscheibe hinauszuschauen, während sie endlos durch British Columbia fuhren. Das Sichtfeld war nicht groß; es war
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