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in ziemlich knifflige Situationen«, gab sie zu bedenken.
»Ach, ich denke, er ist da hin- und hergerissen«, sagte Seamus. »Eines Tages wird er ein Märtyrer sein. Eines Tages. Das sagt er sich immer wieder. Dann schaut er reihum, auf die Spinner und Ziegenficker, mit denen er arbeiten muss, und macht sich klar, wie viel mehr er der Bewegung zu bieten hat, wenn er am Leben bleibt. Seinen Sachverstand einsetzt, seine Sprachkenntnisse, seine Fähigkeit, sich zu integrieren. Und so wird der Tag des Märtyrertodes immer wieder hinausgeschoben.«
»Ausgesprochen praktisch für ihn.«
Seamus grinste und zuckte die Achseln. »Ich weiß wirklich nicht, ob der Mann ein Feigling ist oder tatsächlich versucht, seine Fähigkeiten am produktivsten anzuwenden, indem er am Leben bleibt. Irgendwann würde ich ihn das furchtbar gern fragen. Bevor ich ihm ein Messer in den Bauch stecke.«
»Also. Hierhergekommen ist er nicht. In ein Gebäude geflogen hat er es nicht. Gefasst worden ist er auch nicht. Wo ist er hin?«
»All seine Instinkte«, sagte Seamus, »würden ihn in Richtung Vereinigte Staaten treiben.«
Den Rest des Tages verbrachten sie damit, Berichte an ihre jeweiligen Vorgesetzten zu schreiben. Am nächsten Morgen flogen Seamus und Olivia nach Manila zurück. Seamus hatte in der amerikanischen Botschaft etwas zu erledigen, und Olivia musste Regelungen für den Nachhauseflug treffen. Der Rückweg zu Olivias Hotel entsprach fast genau dem Hinweg in umgekehrter Reihenfolge, einschließlich des schweißtreibenden Fußmarsches quer durch die Stadt, um dem Verkehr auszuweichen. Sie erreichten das Hotel um 10 Uhr 13, und nachdem sie zwecks Flüssigkeitsergänzung mehrere Gläser Wasser hinuntergekippt hatten, gingen sie zu Alkohol über.
»Sie können mir nicht erzählen, dass der Businessjet nicht genug Treibstoff hat, um bis in die Staaten zu kommen.«
Sie wedelte mit der Hand durch die Luft. »In den Nordteil«, sagte sie.
»Peng! Die Mall of America«, schlug Seamus vor und ahmte mit der Hand, die nicht das Glas hielt, den Sturzflug und den Einschlag nach.
»Sehr viel wahrscheinlicher die Nordwestecke«, sagte sie. »Seattle, natürlich.«
»Auf Wiedersehen, Space Needle.«
»Aber die Space Needle war immer noch da, als ich das letzte Mal nachgesehen habe. Wenn also Ihre Theorie zutrifft …«
»Meine Theorie und Ihre, Lady.«
»Na schön, na schön. Wenn unsere Theorie zutrifft, dann ist er irgendwie reingekommen, ohne vom Radar erfasst zu werden, und mitten im Nirgendwo gelandet.«
»Haben Ihre Analytiker irgendwelche Vorstellungen davon, wie er dem Radar entgehen konnte?«
»Indem er sehr niedrig angeflogen kam, natürlich«, sagte Olivia, »was in geradezu irrsinnigem Tempo Treibstoff verbraucht. Oder in Formation mit einem Passagierflugzeug. Direkt unter dessen Bauch.«
Er hob die Hände. »Warum ist das so schwierig? Warum will es den Leuten nicht in den Kopf, dass Jones so etwas fertigbrächte?«
»Ockhams Rasiermesser«, sagte sie. »Die Mindanao-Theorie hat weniger bewegliche Teile. Also muss sie zuerst widerlegt werden, ehe etwas anderes auch nur diskutiert werden kann.«
Sie verabschiedeten sich mit keuschen Wangenküsschen voneinander und gingen ihrer getrennten Wege: Seamus hinaus in den Verkehr, Olivia hinauf in ihr Zimmer, wo sie zu versuchen begann, ihren Flugplan zu ändern. Sie wollte nicht nach London zurückfliegen. Sie wollte in den Nordwesten der Vereinigten Staaten.
Sie vergeudete einen Tag in diesem Hotelzimmer. Zunächst musste sie ein paar Stunden warten, bis in London jemand wach war. Dann musste sie die Trommel für die Vorstellung rühren, dass ihre Zeit besser angewendet wäre, wenn sie der Hypothese folgte, dass Jones nach Nordamerika geflogen war. Niemand, mit dem sie sprach, stand dieser Vorstellung offen ablehnend gegenüber, dennoch erzielte sie offenbar keinerlei Fortschritte. Verfahren mussten eingehalten werden. Es gehe nicht an, dass sie aus heiterem Himmel amerikanischen Boden betrete und dort nachrichtendienstlich tätig werde; man müsse zunächst Kontakt mit Amtskollegen in der amerikanischen Gegenspionage aufnehmen. Aber dort sei noch niemand wach, also müsse das noch einige Stunden warten. Sie jagte Unmengen von E-Mails los, ging hinunter ins Fitnesscenter, machte sich Bewegung, kam zurück, schrieb weitere E-Mails, telefonierte. Spielte T’Rain. Surfte im Internet, um mehr über Zula und den Forthrast-Clan zu erfahren. Sah sich die herzzerreißende
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