Gesammelte Werke
Vergangenheit nicht gäbe, so sollten wir zumindest dessen uns bewußt bleiben, daß Menschen, die sich nicht als Individuen selber durchstreichen, keine leeren Tafeln sind; daß die Vorstellung, von vorn anzufangen, im geistigen Bereich eine Fiktion darstellt. Nichts anderes bleibt uns übrig, als gewissermaßen das nicht Transferierbare zu transferieren.
2. Die Übermacht der unermeßlichen industriellen Apparatur über den Einzelnen darf uns nicht dazu verführen, die Welt, in der wir leben und die uns beherrscht, zu vergötzen. Vielmehr sollten wir der Möglichkeiten innewerden, die in dem überwältigenden Wirklichen hier beschlossen liegen, und kraft jener Möglichkeiten versuchen, dem Druck der allgegenwärtigen Maschinerie zu widerstehen.
3. Wir sollen in der sachlichen Arbeit unbeirrt bleiben. Das heißt, wir sollen trachten, die Sache aus sich heraus rein, ohne Rücksicht auf Zwecke und Kommunikation auszudrücken. In einer Welt, in der alles Kommunikation ist, redet zu den Menschen in Wahrheit nur der, der nicht schlau darauf ausgeht, zu ihnen zu reden.
4. Wir sollen uns nicht dumm machen lassen. Wir sollen aus dem Zwang, alles in Tatsachen und Zahlen umzusetzen, nicht Denkverbote für uns ableiten. Während wir alles hier lernen sollen, was uns vom wahnhaften Moment am deutschen Denken heilen kann, sollen wir darüber nicht Phantasie, Spekulation, unverkümmerte Einsicht uns beschneiden. Je mehr im Wissenschaftsbetrieb universale Kontrollmechanismen einen jeden unserer Gedanken auf seine Richtigkeit überprüfen, um so mehr sollen wir dessen eingedenk bleiben, daß Wahrheit nur in dem Gedanken liegt, der den Kontrollmechanismus selber durchdringt.
Ich bin am Ende. Lassen Sie mich wiederholen: meine Anregungen sind nicht als weltfremde Moralpredigt gemeint. Die Gefahren, auf die ich hinwies, kommen aus dem Zwang, sich am Leben zu erhalten, dem die Intellektuellen unter den Emigranten gleich allen anderen unterliegen. Soviel aber ist uns vom Deutschen geblieben, daß wir in der deutschen Versuchung sind, keine Lüge aussprechen zu können, ohne sie selber zu glauben. Nicht Trotz möchte ich anraten und nicht uns in der Situation von Kuriositäten sehen, die um ihrer Absonderlichkeit willen bestaunt und vielleicht sogar ernährt werden. Nur meine ich, daß wir dort, wo wir zu Konzessionen gezwungen sind, sie nicht mit fliegenden Fahnen zu unserer eigenen Sache machen sollten, sondern im harten Bewußtsein des Zwangs, der auf uns liegt. Gerade wenn es uns ernst damit ist, einen besseren Gesellschaftszustand zu erstreben, dürfen wir hoffen dazu beizutragen einzig, wenn wir nicht dem Bestehenden blindlings uns verschreiben.
1945
Fußnoten
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Vortrag, gehalten im Jewish Club Los Angeles, 27. Mai 1945.
Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute 1
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich fühle mich etwas in die Situation des Hans Sachs gedrängt, wenn er sagt: »Euch macht Ihr's leicht, mir macht Ihr's schwer, gebt Ihr mir Armem zuviel Ehr'.« Sie dürfen also nicht zuviel erwarten von dem, was ich Ihnen zu sagen habe.
Ich möchte mich ganz einfach beschränken auf die Diskussion einiger kritischer Punkte. Ich werde versuchen, nichts zu sagen, was Ihnen allen mehr oder minder vertraut, sondern das eine oder andere, was vielleicht nicht so im allgemeinen Bewußtsein gegenwärtig ist.
Über den Antisemitismus heute und seine mögliche Abwehr zu sprechen, scheint zunächst ein wenig anachronistisch, weil, wie man so sagt, der Antisemitismus in Deutschland kein aktuelles Problem darstelle. Das wird Ihnen bestätigt werden etwa durch die Erhebungszahlen der Meinungsforscher, vor allem der kommerziellen Meinungsforschungs-Institute, die uns dauernd darüber berichten, daß die Zahl der Antisemiten abnehme. Die Gründe dafür sind zunächst einmal sehr handgreiflich: einmal die offiziellen Tabus, die in unserer Gesellschaft heute, in Deutschland jedenfalls, über dem Antisemitismus liegen, dann das Furchtbare, daß es in Deutschland kaum noch Juden gibt, an die sich das antisemitische Vorurteil heften könnte. Ich möchte dies alles nicht leugnen, aber ich glaube doch, daß die Frage nicht so einfach ist wie ihre statistische Struktur. Sie dürfen nicht annehmen, der Antisemitismus sei ein isoliertes und spezifisches Phänomen. Sondern er ist, wie Horkheimer und ich das seinerzeit in der »Dialektik der Aufklärung« ausgedrückt haben, der Teil eines ›Tickets‹, eine Planke in einer
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