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Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: W. Theodor Adorno
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Bereichen sich nähert, um so schwieriger ist es um die Idee des Beitrags bestellt. Gewiß, die Entdeckung neuer philologischer Zusammenhänge, die Herstellung eines schwierigen mittelalterlichen Notentextes, selbst die Datierung eines bestimmten Bildes mag noch unter die Formel Beitrag fallen. Aber kein Unbefangener kann dem sich verschließen, daß darin das Wesen der Geisteswissenschaften nicht eigentlich besteht. Es ist vielmehr unabtrennbar von der Einsicht in Sinnzusammenhänge, in Stimmigkeit und Widerspruch, von einem
kritischen
Moment. Noch das größte gestaltete Kunstwerk, und es vor allem, enthält dies kritische Moment und damit den Anspruch an den Betrachter, es ihm gleichzutun. Er gilt aber für alle Erkenntnis von dem, was in Geschichte und Gesellschaft sich zuträgt. Selbst eine dem Anschein nach noch so grobe historische Tatsache ist verständlich nur, wenn sie zum Lebensprozeß der Gesellschaft als ganzer, zu deren positiven und negativen Momenten gleichermaßen, schließlich zur Wahrheit selber in Beziehung gerückt wird. Mit anderen Worten, jede geisteswissenschaftliche Problemstellung, und wäre es ein statistischer Befund der modernen Soziologie, drängt, um überhaupt Erkenntnis zu sein, auf philosophische Theorie. Die ist aber niemals Beitrag im Sinne des greifbaren Resultats, sondern Gedanke über die Resultate, und schließlich über das Wesen des Beitrags selber. Denn dieser setzt naiv den Wert der Ordnung voraus, zu der etwas beigetragen werden soll, und eben dem Wert der Ordnung ist nachzufragen. Wenn die große Philosophie auf ihrer Höhe, in Hegel, die Arbeit des Geistes mit dem Prinzip der Negation gleichsetzte, so ist damit die Verpflichtung anerkannt, über das je Gegebene und bloß Soseiende hinauszugehen, nicht bloß um der Möglichkeit eines Besseren willen, sondern bereits um das Gegebene selber begreifen zu können. Man braucht einer solchen Vorstellung von der Arbeit des Begriffs nur die Rede, es müsse eben etwas Positives geleistet werden, entgegenzustellen, um der Flachheit, Selbstzufriedenheit und Verlogenheit solcher konventionellen Meinung innezuwerden.
    Es will mir scheinen, als liege an dieser Stelle die Schuld der emigrierten Intellektuellen. Im allgemeinen sind sie damit zufrieden, Beiträge zu leisten, sei's wirkliche, sei's solche zum Kulturbetrieb, und entziehen sich unbehaglichen Besinnungen, verwehren sich jede im Ernst abweichende Produktion. Manche schließen sich zu sektenhaften, fachmännisch beschränkten Philosophenschulen nach deutschem Muster zusammen. Meist aber wird der philosophische Gedanke einer kitschigen und unverbindlichen Weltanschauungsliteratur überlassen, deren Ideale schon grob auf die Standards von Hollywood zugeschnitten sind, ehe es zum Feinschnitt im Film erst kommt.
    Dabei handelt es sich nicht durchwegs um individuelle Schuld. Die Organisation des amerikanischen Geisteslebens, die weitgehend die industrielle widerspiegelt, stellt jeden Intellektuellen vor die Wahl, entweder sich einzugliedern oder ohnmächtiger Außenseiter zu bleiben. Die Schlupfwinkel, welche die weniger durchorganisierte europäische Gesellschaft unabhängigen Intellektuellen bot, fehlen. Die geistige Arbeit sieht sich ohne Schutz auf den Markt und die Konkurrenz verwiesen und steht unter nie geahnter Kontrolle durch die Konsumenten. Die gebürtigen Amerikaner, die sich in allen Verzweigungen des Systems auskennen, haben allenfalls die Möglichkeit des Ausweichens. Wir, die wir allerorten auf die übermächtigen Institutionen stoßen, sind in Versuchung, entmutigt nachzugeben und aus unserer Nachgiebigkeit auch noch ein moralisches Prinzip zu machen. In Wirklichkeit wäre es unsere Aufgabe, einen Beitrag genau dadurch zu leisten, daß wir, soweit es nur möglich ist, dem etablierten Betrieb den ihm entsprechenden, genormten Beitrag verweigern und die in unserem Denken heimischen und in Europa ausgerotteten kritischen Gedanken an der neuen Situation entwickeln, anstatt sie hier uns selber nochmals zu verbieten.
    Lassen Sie mich Ihnen zwei Beispiele geben. Einer der erfolgreichsten Sozialwissenschaftler der Emigration, ein Mann von großen Fähigkeiten, hat vor einer Reihe von Jahren die Idee vertreten, mit den hierzulande außerordentlich entwickelten Meßmethoden Kultur zu messen durch statistische Erhebungen über den Konsum an Kulturgütern. Er hatte seine kritische Besinnung im Angesicht des Begriffs Kultur stillgestellt. Er beschied sich dabei, daß Kultur der

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