Herr des Chaos
verschwanden.
Nach einem letzten Blick auf Siuan, kam ihnen Elayne sofort nach, doch nach Salidar sprang sie keineswegs. Bestimmt würde jemand kommen und sich um den Schnitt an ihrer Kehle kümmern, falls sie ihn überhaupt bemerkt hatten, aber eine Weile lang würden sie sich ausschließlich um sechs Aes Sedai kümmern, die beim Aufwachen aussehen würden, als habe man sie durch einen riesigen Fleischwolf gedreht. Diese paar Minuten hatte Elayne noch, und außerdem ein ganz anderes Ziel im Kopf.
Der Große Saal im Palast ihrer Mutter in Caemlyn tauchte nicht so einfach wie gebeten vor ihr auf. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie erst einen Widerstand überwinden, bis sie auf den roten und weißen Fliesen unter dem großen Kuppeldach stand, mitten unter Reihen massiver weißer Säulen. Noch einmal schien von überall und nirgendwoher ein fahler Lichtschein zu kommen.
Die riesigen Fenster ganz oben, auf denen der Weiße Löwe von Andor abwechselnd mit den frühesten Königinnen und Szenen großer andoranischer Siege zu sehen waren, erschienen ihr der Nacht draußen wegen dunkel und unklar.
Sofort wurde ihr die Veränderung klar, von der sie wußte, daß sie zu diesem Widerstand geführt hatte. Auf dem Podest an der Kopfseite des Saals, wo der Löwenthron hätte stehen sollen, stand statt dessen eine grandiose Monstrosität, aus goldfunkelnden Drachen bestehend mit roten Emailleschuppen und strahlenden Sonnensteinen an Stelle der Augen. Man hatte den Thron ihrer Mutter aber nicht aus dem Saal entfernt. Er stand noch einmal ein Stück höher hinter dieser Monstrosität und ragte somit über ihr auf.
Elayne schritt langsam durch den Saal und die weißen Marmorstufen hinauf, wo sie den vergoldeten Thron der andoranischen Königinnen betrachtete. Der Weiße Löwe von Andor, mit Mondperlen auf einem Feld aus Rubinen hoch oben an der Rückenlehne klar umrissen, hätte sich normalerweise gerade über dem Kopf ihrer Mutter befunden.
»Was machst du da, Rand al'Thor!« flüsterte sie heiser. »Was glaubst du eigentlich, was du da tust?«
Sie hatte furchtbare Angst, daß er ohne ihre Hilfe alles verderben würde, weil sie ihn nicht vor allen Fußangeln warnen konnte. Sicher, mit den Tairenern war er gut fertiggeworden, und offensichtlich auch mit den Adligen Cairhiens, aber ihr Volk war anders, offen und geradeheraus, und sie haßten es, wenn man sie wie Marionetten behandelte oder gar zu etwas zwingen wollte. Was in Tear oder Cairhien funktioniert hatte, konnte hier zu einer Explosion führen, als sei die gesamte Gilde der Feuerwerker tätig geworden.
Wenn sie nur bei ihm sein könnte. Wenn sie ihn nur in Bezug auf die Delegation der Weißen Burg vorwarnen könnte. Elaida hatte bestimmt irgendeine List im Sinn, eine Falle, die zuschnappen würde, wenn er sie am wenigsten erwartete. War er dann vernünftig genug, um sie kommen zu sehen? Außerdem hatte sie ja auch keine Ahnung, welchen Auftrag die Delegation aus Salidar zu erfüllen hatte. Trotz Siuans Mühe waren die meisten Aes Sedai in Salidar ziemlich gespaltener Ansicht in bezug auf Rand al'Thor. Er war wohl der Wiedergeborene Drache, derjenige, von dem man weissagte, er sei der Retter der Menschheit, doch andererseits war er ein Mann, der die Macht lenken konnte, und damit zum Wahnsinn verdammt, verflucht dazu, Tod und Zerstörung über die Welt zu bringen.
Paß gut auf ihn auf, Min, dachte sie. Gehe schnell zu ihm und dann behüte ihn wohl.
Wie ein Stich durchfuhr sie die Eifersucht, daß Min bei ihm sein und das tun durfte, was sie eigentlich tun wollte. Vielleicht mußte sie ihn wirklich teilen, aber wenigstens einen Teil von ihm würde sie auf jeden Fall ganz für sich behalten. Und sie würde ihn als Behüter an sich binden, gleich, welchen Preis sie dafür zu zahlen hatte.
»Es wird vollbracht werden.« Sie streckte eine Hand nach dem Löwenthron aus, um so zu schwören, wie alle Königinnen geschworen hatten, seit es den Staat Andor gab. Das Podest war zu hoch für sie, um das Holz des Thrones fühlen zu können, doch die gute Absicht war doch wohl, was zählte. »Es wird vollbracht werden.«
Die Zeit wurde knapp. In Salidar würde nun bald eine Aes Sedai kommen, um sie zu wecken und den armseligen Kratzer an ihrer Kehle mit Hilfe der Macht zu heilen. Seufzend trat sie aus dem Traum heraus in ihren Körper.
Demandred kam hinter einer der Säulen des Großen Saals hervor und blickte nachdenklich zu den beiden Thronen und dem Fleck hinüber, an dem das
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