Herr des Chaos
dem Tisch hatte sie nun zu Fäusten geballt. Die Knöchel färbten sich vor Verkrampfung weiß. Jedes bißchen der sonst so typischen Beherrschung einer Aes Sedai war verflogen, und sie zitterte sichtlich. »Wir können nicht zulassen... Männer, die die Macht benützen und auf die Welt losgelassen werden? Falls das stimmt, müssen wir es verhindern!« Sie war nahe daran, wieder aufzuspringen, und ihre Augen blitzten.
»Bevor wir eine Entscheidung treffen, was im Hinblick darauf zu tun ist«, sagte Verin gelassen, »müssen wir erst in Erfahrung bringen, wo er sie untergebracht hat. Der Königliche Palast erscheint mir am wahrscheinlichsten, aber es mag schwierig sein, das herauszufinden, wenn uns die Innenstadt versperrt ist. Also schlage ich folgendes vor...« Alanna beugte sich aufmerksam vor.
Es gab eine ganze Menge zu planen, aber das meiste hatte bis später Zeit. Etliche Fragen mußten beantwortet werden; später. War Moiraine tot, und falls ja, wie war sie ums Leben gekommen? Gab es die Rebellen, und welche Haltung sollten Verin und Alanna ihnen gegenüber einnehmen? Sollten sie versuchen, Rand Elaida auszuliefern oder diesen Rebellen? Wo befanden sie sich? Das Wissen darum wäre wertvoll, ganz gleich, wie die anderen Antworten ausfallen würden. Wie sollten sie diese so leicht zerreißbare Leine benützen, an die Alanna Rand gelegt hatte? Sollte eine von ihnen oder auch beide versuchen, den Platz Moiraines einzunehmen? Zum ersten Mal, seit Alanna ihren Schmerz über Oweins Tod so deutlich an die Oberfläche hatte treten lassen, war Verin froh darüber, daß sie sich so lange zurückgehalten hatte, daß sie sich jetzt kaum noch beherrschen konnte und damit auch so leicht zu beeinflussen war. Jetzt würde sich Alanna eher ihrer Führung anvertrauen, und Verin wußte sehr genau, wie die Antworten auf einige der im Raum liegenden Fragen aussehen würden. Sie glaubte nicht, daß diese Antworten Alanna gefallen würden. Am besten, wenn sie nichts davon erfuhr, bis es ohnehin zu spät war, um etwas daran zu ändern.
Rand ritt im Galopp zum Palast, so schnell, daß er selbst die rennenden Aiel hinter sich zurückließ. Er beachtete ihre Rufe nicht, und auch nicht die wütend geschwungenen Fäuste der Menschen, die gerade noch vor Jeade'ens Hufen zur Seite springen konnten. Hinter sich ließ er umgekippte Sänften und Kutschen zurück, deren Räder sich in denen von Marktkarren verkeilt hatten. Bashere und seine Soldaten aus Saldaea konnten auf ihren kleineren Pferden kaum mithalten. Er wußte selbst nicht, warum er sich so beeilte. Die Neuigkeiten, die er mitbrachte, waren nicht derart dringlich.
Doch als das Zittern seiner Arme und Beine langsam nachließ, wurde ihm immer deutlicher bewußt, daß er nach wie vor Alannas Gegenwart spürte. Er konnte sie fühlen. Es war, als sei sie in seinen Kopf hineingekrochen und habe es sich dort bequem gemacht. Wenn er sie auf diese Art fühlte, konnte sie seine Anwesenheit dann auch spüren? Was sonst eigentlich? Was sonst? Er mußte ihr entkommen.
Stolz, gackerte Lews Therin in seinem Hinterkopf, und ausnahmsweise einmal bemühte sich Rand nicht, die Stimme zu unterdrücken.
Er hatte ein anderes Ziel als den Palast im Sinn, aber beim Schnellen Reisen mußte man den Ort, den man verließ, noch besser kennen als den, zu dem man reisen wollte. Am Südstall warf er einem Stallburschen mit Lederweste die Zügel seines Hengstes zu und rannte los. Seine langen Beine ließen ihn schnell einen Vorsprung vor den Männern aus Saldaea gewinnen. In den Gängen stierten die Diener überrascht hinter ihm her, und ihre Knickse und Verbeugungen erstarrten, als er an ihnen vorüberhetzte. Im Großen Saal griff er nach Saidin, öffnete ein Loch in der Luft und sprang beinahe hindurch auf die kleine Lichtung in der Nähe des Bauernhofs. Dort ließ er die Wahre Quelle wieder los.
Er atmete langgezogen aus und sank auf dem Teppich abgestorbener Blätter auf die Knie. Die Hitze unter dem Dach aus kahlen Ästen prügelte auf ihn ein. Er hatte schon vor einer ganzen Weile die notwendige Konzentration verloren, um die Hitze von sich abgleiten zu lassen. Er spürte immer noch ihre Gegenwart, doch hier war es schwächer, falls man das sichere Gefühl, sie befände sich genau in dieser Richtung, als schwächer bezeichnen wollte. Er hätte mit geschlossenen Augen in ihre Richtung deuten können.
Einen Moment lang ergriff er erneut Saidin, diesen tosenden Strom aus Feuer und Eis und säuerlichem
Weitere Kostenlose Bücher