Herr des Chaos
Matsch. Er hielt ein Schwert in Händen, ein Schwert, aus Feuer geschmiedet, aus dem Feuer der Macht. Ein Reiher stach dunkel von der rotglühenden, leicht gekrümmten Klinge ab. Er konnte sich nicht erinnern, bewußt daran gedacht zu haben, Feuer, und doch fühlte sich das lange Griffstück kühl und fest an. Das Nichts spielte dabei keine Rolle, und auch die Macht änderte nichts daran. Alanna befand sich immer noch dort, lag gemütlich zusammengerollt in einem Winkel seines Hirns und beobachtete ihn.
Mit einem bitteren Auflachen ließ er die Macht wieder fahren und kniete einfach da. Er hatte sich so sicher gefühlt. Nur zwei Aes Sedai. Selbstverständlich konnte er mit ihnen fertig werden; er hatte auch Egwene und Elayne zusammen im Schach gehalten. Was könnten sie ihm schon antun? Ihm wurde bewußt, daß er immer noch lachte. Er schien nicht in der Lage zu sein, damit aufzuhören. Na ja, es war wirklich komisch. Sein törichter Stolz. Übersteigertes Selbstvertrauen. Das hatte ihn schon früher in Schwierigkeiten gebracht, und nicht nur ihn selbst. Er war so sicher gewesen, daß er im Verbund mit den Hundert Gefährten den Stollen fest verschließen könne...
Dürre Blätter raschelten, als er sich zum Aufstehen zwang. »Das war ich nicht!« sagte er heiser. »Das war nicht ich! Raus aus meinem Kopf! Das gilt für Euch alle: raus aus meinem Kopf!« Lews Therins Stimme murmelte undeutlich und fern. Alanna wartete schweigend und geduldig in seinem Hinterkopf. Die Stimme schien sich vor ihr zu fürchten.
Rand klopfte sich den Schmutz von den Knien seiner Hose. Er würde sich nicht so einfach in sein Schicksal ergeben. Traue keiner Aes Sedai - das würde er von nun an beherzigen. Ein Mann ohne Vertrauen ist so gut wie tot, kicherte Lews Therin. Er würde nicht nachgeben.
Nichts hatte sich hier an dem Bauernhof verändert. Nichts, und doch alles. Wohnhaus und Scheune waren die gleichen, genau wie die Hühner und Ziegen und Kühe. Sora Grady beobachtete seine Ankunft mit kalter und nichtssagender Miene von einem Fenster aus. Sie war nun die einzige Frau hier; all die anderen Ehefrauen und Freundinnen waren mit den Männern fortgezogen, die Taims Prüfungen nicht bestanden hatten. Taim befand sich mit seinen Schülern auf einer Fläche aus hartgebackenem roten Ton, aus dem nur wenige Unkräuter sprossen, hinter der Scheune. Mit allen sieben. Abgesehen von Soras Mann Jur waren nur noch Damer Flinn, Eben Hopwil und Fedwin Morr aus jener ersten Gruppe Übriggeblieben. Die anderen waren neu und wirkten beinahe ebenso jung wie Fedwin und Eben.
Außer dem weißhaarigen Damer saßen die Schüler in einer Reihe und hatten Rand die Rücken zugewandt.
Damer stand vor ihnen und hatte angestrengt die Stirn gerunzelt. Er blickte einen kopfgroßen Steinbrocken an, der ungefähr dreißig Schritt entfernt lag.
»Jetzt«, sagte Taim, und Rand spürte, wie Damer nach Saidin griff und ungeschickt Feuer und Erde miteinander verwob.
Der Stein explodierte, und Damer und die anderen Schüler warfen sich zu Boden, um den umherfliegenden Splittern zu entgehen. Taim nicht; Steinbrocken prallten an dem Schild aus Luft ab, den er im letzten Augenblick um sich gelegt hatte. Damer hob vorsichtig den Kopf und wischte sich das Blut von einem kleinen Schnitt unter seinem linken Auge. Rand verzog den Mund. Er hatte Glück gehabt, daß ihn keiner der umherfliegenden Steinsplitter getroffen hatte. Er blickte zurück zum Wohnhaus. Sora befand sich immer noch am Fenster und war offensichtlich unverletzt. Und sie sah ihn immer noch an. Die Hühner hatten ihr Scharren kaum unterbrochen. Sie schienen bereits an so etwas gewöhnt zu sein.
»Vielleicht werdet ihr euch beim nächsten Mal an meine Worte erinnern«, sagte Taim gelassen und löste sein Gewebe auf. »Schirmt euch ab, wenn ihr zuschlagt, sonst bringt ihr euch womöglich selbst um.« Er sah zu Rand herüber, als habe er die ganze Zeit über gewußt, daß er sich dort befand. »Macht weiter«, befahl er dann seinen Schülern und schritt auf Rand zu. Heute schien sein Gesicht mit der gekrümmten Raubvogelnase einen grausamen Zug aufzuweisen.
Als sich Damer wieder in die Reihe setzte, stand Eben mit dem fleckigen Gesicht auf und zupfte sich nervös an einem großen Ohr, während er das Element Luft benützte, um einen weiteren Steinbrocken von einem Stapel an der Seite zu heben und herüberschweben zu lassen. Sein Gewebe schwankte, und er ließ den Stein fallen, bevor er ihn beim zweiten
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