Herr des Chaos
»Nynaeve«, sagte er, während er auf sie zuging, »ich möchte mit Euch reden...« Aber weiter kam er nicht.
Sie sprang nahezu senkrecht in die Luft und kam mit geballter Faust wieder zum Stehen, obwohl sie sie sofort in den Falten ihrer Röcke verbarg. »Laßt mich in Ruhe, Mat Cauthon«, sagte sie deutlich hörbar. »Hört Ihr mich? Laßt mich in Ruhe!« Und sie floh, zwängte sich an ihm vorbei und bewegte sich dermaßen starr, daß er erwartete, ihr Zopf würde wie ein Katzenschwanz senkrecht in die Luft ragen. Ihrem Verhalten nach roch er nicht nur schlecht, sondern hatte bestimmt irgendeine Krankheit, die sowohl ekelerregend als auch ansteckend war. Wenn er auch nur in ihre Nähe zu kommen versuchte, versteckte sie sich hinter Elayne und starrte ihn über die Schulter hinweg an, beinahe so, als wollte sie ihm die Zunge herausstrecken. Frauen waren schlichtweg verrückt.
Zumindest waren Thom und Juilin bereit, den Tag über neben ihm zu reiten, wann immer Elayne nicht ihre Aufmerksamkeit forderte. Manchmal tat sie es, einfach um sie von ihm fernzuhalten, dessen war Mat sich sicher, obwohl er nicht ergründen konnte warum. Wenn sie ein Gasthaus gefunden hatten, teilten die beiden am Abend sehr gerne einen oder zwei Krüge Bier oder gewürzten Wein mit ihm und Nalesean. Es waren ländliche, ruhige Schankräume mit Ziegelsteinwänden, wo das einzige Vergnügen darin bestand, eine Tigerkatze zu beobachten, und die Wirtin selbst am Tisch bediente - unvermeidlicherweise eine Frau mit Hüften, die den Eindruck erweckten, als würde sich ein Mann bei dem Versuch hineinzukneifen die Finger brechen. Sie sprachen hauptsächlich über Ebou Dar, wovon Thom einiges wußte, obwohl er niemals dortgewesen war. Nalesean war jederzeit bereit, so oft von seinem dortigen Besuch zu erzählen, wie es gewünscht wurde, obwohl er sich lieber auf die Duelle und Pferdewetten beschränkt hätte, die er dort erlebt hatte. Juilin wußte Geschichten von Männern zu erzählen, die wiederum Männer kannten, die dort gewesen waren, Geschichten, die unglaublich klangen, bis Thom oder Nalesean sie bestätigten. Männer fochten in Ebou Dar Duelle um Frauen aus, und Frauen um Männer, und in beiden Fällen wurde der Preis - dieser Begriff wurde genannt - dem Sieger zugesprochen. Männer schenkten Frauen einen Dolch, wenn sie heirateten, und baten diese, sie damit zu töten, wenn sie ihnen mißfielen - ihnen mißfielen! -, und eine Frau, die einen Mann tötete, wurde als dazu berechtigt angesehen, es sei denn, es erwies sich etwas anderes. In Ebou Dar behandelten die Männer die Frauen mit Vorsicht und zwangen sich, über Dinge zu lächeln, derentwegen sie einen anderen Mann getötet hätten. Elayne würde es gefallen. Und Nynaeve ebenfalls.
Noch etwas anderes erwies sich bei diesen Gesprächen. Mat hatte sich Nynaeves und Elaynes Mißfallen über Vandene und Adeleas nicht eingebildet, wie sehr sie es auch zu verbergen versuchten. Nynaeve begnügte sich anscheinend damit, zu schauen und leise zu murmeln. Elayne runzelte auch nicht die Stirn und murrte nicht aber sie versuchte ständig, die Führung zu übernehmen. Sie schien zu glauben, sie sei bereits Königin von Andor. Wie viele Jahre die Gesichter der Aes Sedai auch verbergen mochten -Vandene und Adeleas waren gewiß alt genug, um die Mütter, wenn nicht die Großmütter der jüngeren Frauen sein zu können. Mat wäre nicht überrascht gewesen zu erfahren, daß sie bereits Aes Sedai waren, als Nynaeve und Elayne geboren wurden. Selbst Thom konnte die Anspannung nicht ergründen, obwohl er für einen einfachen Gaukler viele Dinge verstand. Elayne war Thom über den Mund gefahren und hatte ihm gesagt, daß er nichts verstünde, als er versuchte, ihr sanft zu widersprechen. Anscheinend waren die beiden älteren Aes Sedai bemerkenswert duldsam. Adeleas schien häufig nicht zu bemerken, wenn Elayne Befehle gab, und Vandene schien überrascht, wenn sie es bemerkte.
»Vandene sagte: ›Nun, wenn Ihr wirklich wollt, Kind, werden wir es natürlich tun‹«, murmelte Juilin in sein Bier, als er einen Zwischenfall schilderte. »Man könnte glauben, ein Mädchen, das noch vor wenigen Tagen nur eine Aufgenommene war, wäre darüber erfreut. Aber Elaynes Augen erinnerten mich an einen Wintersturm. Und Nynaeve biß so fest die Zähne zusammen, daß ich dachte, sie würden zerbrechen.«
Sie saßen im Schankraum des Hochzeitsdolchs. Vanin und Harnan und andere besetzten die Bänke anderer Tische, zusammen
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