Herr des Chaos
sie schwebte in den mondbeschienenen Wald jenseits der Wachen. Das goldene Haar fiel um ihre Schultern, umrahmte ein Gesicht, das jeden Mann anzog, und das Mondlicht dämpfte ihre Anmaßung. Wenn sie etwas anderes gewesen wäre, als sie war... Und er meinte damit nicht, daß sie eine Aes Sedai war oder daß sie zu Rand gehörte. Dann begann Elayne zu sprechen, und er vergaß alles andere.
»Ihr besitzt ein Ter'angreal«, sagte sie ohne lange Vorrede und ohne ihn anzusehen. Sie schwebte einfach dahin, ließ die Blätter auf dem Boden rascheln, als erwarte sie von ihm, daß er ihr wie ein Jagdhund folgte. »Einige glauben, daß Ter'angreals rechtmäßig den Aes Sedai gehören, aber ich verlange nicht von Euch, es mir auszuhändigen. Niemand wird es Euch nehmen. Diese Dinge müssen jedoch überprüft werden. Daher möchte ich, daß Ihr mir das Ter'angreal jeden Abend überlaßt, wenn wir rasten. Ich werde es Euch jeden Morgen wiedergeben, bevor wir aufbrechen.«
Mat sah sie von der Seite an. Sie meinte es zweifellos ernst. »Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr mir lassen wollt, was mir gehört. Aber was führt Euch zu dem Glauben, daß ich eines besitze, eines dieser ... wie habt Ihr es genannt? Ein Ter-sowieso?«
Oh, sie erstarrte bei diesen Worten tatsächlich und sah ihn argwöhnisch an. Er war überrascht, keine Funken aus ihren Augen sprühen zu sehen, die die Nacht erleuchteten. Aber ihre Stimme war reinstes, kristallklares Eis. »Ihr wißt sehr wohl, was ein Ter'angreal ist, Meister Cauthon. Ich hörte Moiraine im Stein von Tear mit Euch darüber sprechen.«
»Im Stein?« fragte er sanft. »Ja, ich erinnere mich an den Stein. Wir hatten dort alle eine schöne Zeit. Erinnert Ihr Euch an etwas, das Euch ein Recht gibt, Forderungen an mich zu stellen? Ich nicht. Ich bin nur hier, um Euch und Nynaeve davor zu bewahren, in Ebou Dar Schaden zu erleiden. Ihr könnt Rand nach dem Ter'angreal fragen, wenn ich Euch seiner Obhut übergebe.«
Sie sah ihn einen langen Moment an, als wollte sie ihn mit Willenskraft niederstrecken, wandte sich dann aber wortlos auf dem Absatz um. Er folgte ihr zum Lager zurück und war überrascht, sie die Reihe der angepflockten Pferde entlanggehen zu sehen. Sie begutachtete die Feuer und die ausgelegten Decken und schüttelte beim Anblick der Essensreste der Reiter den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was sie vorhatte, bis sie mit hocherhobenem Kinn zu ihm zurückkam.
»Eure Männer haben ihre Sache sehr gut gemacht, Meister Cauthon«, sagte sie so laut, daß jedermann sie hören konnte. »Ich bin ganz allgemein überaus zufrieden. Aber wenn Ihr richtig vorausgeplant hättet, müßten die Männer keine Nahrung herunterschlingen, die sie heute nacht wachhalten wird. Dennoch - Ihr habt Eure Aufgabe insgesamt gut erfüllt. Und sicherlich werdet Ihr in Zukunft vorausdenken.« Sie kehrte so kühl, wie man es sich nur vorstellen konnte, zu ihrem Feuer zurück, bevor er ein Wort sagen konnte, so daß er ihr nur hinterherstarrte.
Aber wäre das alles gewesen - daß die verdammte Tochter-Erbin ihn für einen ihrer Untergebenen hielt und Nynaeve und sie selbst Vandene und Adeleas gegenüber verschlossen waren -, dann hätte er einen Freudentanz aufgeführt. Aber unmittelbar nach Elaynes Weggang wurde der Fuchskopf, noch bevor Mat überhaupt seine Decken erreichen konnte, kalt.
Er war so erschrocken, daß er am Fleck stehenblieb und auf seine Brust hinabstarrte, bevor er auch nur daran dachte, zum Feuer der Aes Sedai zu schauen.
Sie standen, einschließlich Aviendha, an der unsichtbaren Linie aufgereiht. Elayne murmelte etwas Unverständliches, und die beiden weißhaarigen Aes Sedai nickten, während Adeleas unaufhörlich einen Federhalter in ein Tintenfaß an ihrem Gürtel tauchte und in einem kleinen Buch Notizen machte. Nynaeve zog an ihrem Zopf und murmelte vor sich hin.
Es dauerte nur wenige Augenblicke. Dann verging die Kälte, und die Frauen kehrten, leise miteinander sprechend, zu ihrem Feuer zurück. Hin und wieder schaute eine von ihnen in seine Richtung, bis er sich schließlich hinlegte.
Am zweiten Tag gelangten sie auf eine Straße, und Jaem legte seinen die Farbe verändernden Umhang ab. Die Straße bestand aus festgetretener Erde, durch die manchmal alte Pflastersteine hindurchschimmerten, aber sie kamen auch hier nicht wesentlich schneller voran, da sich die Straße durch eine zunehmend hügeligere Waldlandschaft schlängelte. Einige jener Hügel verdienten es, zumindest als
Weitere Kostenlose Bücher