Idoru-Trilogie - Gibson, W: Idoru-Trilogie - Virtual Light/Idoru/All Tomorrow´s Parties
aufgeschrieben haben könnte, und das könnte möglicherweise nach draußen gelangen. Ihr Notebook da wäre nie im Leben aus dem Käfig rausgelassen worden. Weil es kein Papier gab, hatten sie eine Aufzeichnung von jedem Anruf, jedem aufgerufenen Bild und jedem Tastenanschlag.«
Jetzt nickte Blackwell. Sein stoppeliger Schädel fing das Rot von Amos’ Schlauchlippen auf. »Sicherheit.«
»Und Sie waren erfolgreich, Mr Laney?«, fragte Yamasaki. »Sie haben die … Knotenpunkte gefunden?«
4 VENEDIG , DEKOMPRIMIERT
»Jetzt halt mal die Klappe«, sagte die Frau auf 23E, ohne dass Chia ein Sterbenswörtchen gesagt hätte. »Die Schwester wird dir ’ne Geschichte erzählen.«
Chia blickte von dem Bildschirm in der Rückenlehne auf, wo sie sich durch die elfte Ebene einer lobotomisierten Airline-Version von Skull Wars gekämpft hatte. Die Blonde schaute geradeaus; sie sah Chia nicht an. Ihr Bildschirm war herabgeklappt, so dass sie dessen Rückseite als Tablett benutzen konnte, und sie hatte ein weiteres Glas des eisgekühlten Tomatensafts ausgetrunken, den ihr der Flugbegleiter gegen Bezahlung unablässig brachte. Aus irgendeinem Grund standen immer rechteckige Selleriestückchen drin, wie Strohhalme oder Rührstäbchen, aber die schien die Blonde nicht zu mögen. Sie hatte fünf davon in einem Rechteck aufs Tablett geschichtet, wie ein Kind die Mauern eines kleinen Hauses oder einen Korral für Spielzeugtiere bauen würde.
Chia schaute auf ihre Daumen auf dem Air-Magellan-Wegwerf-Touchpad. Und wieder hinauf in die mit Mascara umrandeten Augen. Die sie jetzt ansahen.
»Es gibt einen Ort, wo’s immer hell ist«, sagte die Frau. »Überall helles Licht. Nirgends Dunkelheit. Hell wie ein Nebel, wie etwas, das von oben runterkommt, andauernd, jede Sekunde. All die Farben. Türme, von denen du die Spitze nicht sehen kannst, und das Licht kommt runter. Unten stapeln sie Bars. Bars und Stripclubs und Diskos. Aufgestapelt wie kleine Schuhkartons, eine über der andern. Und ganz gleich, wie tief du dich reinzwängst, ganz gleich, wie viele Treppen du hochsteigst, wie viele Aufzüge
du benutzt und wie klein der Raum ist, in dem du schließlich landest, das Licht findet dich trotzdem. Es ist ein Licht, das wie Pulver unter der Tür reinweht. Fein, so fein. Weht dir unter die Lider, wenn’s dir doch mal irgendwie gelingt, einzuschlafen. Aber man will da ja gar nicht schlafen. Nicht in Shinjuku. Oder?«
Chia war sich auf einmal der schieren physischen Masse des Flugzeugs bewusst, der schrecklichen Unwahrscheinlichkeit seiner Passage durch den Raum, seiner Zelle, die irgendwo über dem Meer durch eisige Nacht vibrierte, jetzt gerade vor der Küste von Alaska – unmöglich, aber wahr. »Nein«, hörte Chia sich sagen, als Skull Wars ihre Unaufmerksamkeit registrierte und sie eine Ebene zurückwarf.
»Nein«, pflichtete ihr die Frau bei, »das will man nicht . Ich weiß. Aber sie bringen dich dazu. Sie bringen dich dazu. Im Mittelpunkt der Welt.« Und dann legte sie den Kopf zurück, schloss die Augen und begann zu schnarchen.
Chia verließ Skull Wars und steckte das Touchpad in die Tasche an der Rückenlehne. Sie hätte am liebsten laut geschrien. Worum war es da eben gegangen?
Der Flugbegleiter kam vorbei, sammelte den Korral aus Selleriestückchen mit einer Serviette auf, nahm das Glas der Frau, wischte das Tablett ab und klappte es wieder in die Lehne zurück.
»Meine Tasche!«, sagte Chia. »Im Gepäckfach!« Sie zeigte nach oben.
Er machte die Klappe über ihr auf, zog ihre Tasche heraus und legte sie ihr auf den Schoß.
»Wie kriegt man die ab?« Sie berührte die Schlaufen aus zähem rotem Gelee, die die Reißverschlusslaschen zusammenhielten.
Er nahm ein kleines schwarzes Werkzeug aus einem schwarzen Halfter an seinem Gürtel. Mit so einem ähnlichen Ding hatte sie schon mal einen Tierarzt die Krallen eines Hundes beschneiden sehen. Er hielt die andere, hohle
Hand darüber, um die kleinen Kugeln aufzufangen, in die sich die Schlaufen verwandelten, als er sie mit dem Gerät durchschnitt.
»Okay, wenn ich den hier benutze?« Sie zog einen Reißverschluss auf und zeigte ihm ihren Sandbenders, der zwischen vier zusammengerollte Strumpfhosen gestopft war.
»Dafür gibt’s hier keinen Port; nur in der Business-Class oder der ersten«, sagte er, »aber an Ihre eigenen Daten kommen Sie ran. Ich bring Ihnen ein Verbindungskabel zum Rückenlehnendisplay, wenn Sie wollen.«
»Danke«, sagte sie, »ich hab ’ne
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