Julia Extra Band 0350
„Dann sehen Sie nach.“
„Was meinen Sie?“
„In Ihren Taschen. Sehen Sie nach.“
Wieder schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Ehrlich, die Kinder wollten doch nur …“
„Sehen Sie nach.“
Ihre Augen blitzten auf. Ein Zeichen von ungeahntem Temperament, das sofort Sergejs Interesse weckte. Genau betrachtet war sie sehr hübsch mit ihren blauen Augen und dem zarten, herzförmigen Gesicht.
Aber nun lächelte sie schon wieder gutmütig und kam resigniert seiner Aufforderung nach. „Schön, wenn ich es Ihnen unbedingt beweisen soll …“ Sie fasste in die Taschen ihres Parkas und verstummte. Verunsicherung, Ungläubigkeit, Wut spiegelten sich nacheinander in ihrem ausdrucksvollen Gesicht. Sergej konnte nicht zählen, wie oft er das in den Gesichtern gutgläubiger Touristen beobachtet hatte, allerdings gewöhnlich aus sicherer Entfernung und mit ein paar Geldscheinen in der Faust.
Nur, dass die junge Frau vor ihm gar nicht wütend wirkte, sondern eher verletzt. Im nächsten Moment schüttelte sie aber schon wieder den Kopf in ihrer heiter resignierten Art, die ihn so irritierte und gleichzeitig seltsam anrührte.
„Sie haben recht. Die drei haben mein Geld gestohlen.“
Wie konnte ein Mensch nur so gutmütig sein? „Warum haben Sie überhaupt Geld in der Manteltasche?“, fragte Sergej so sachlich wie möglich.
Ihr betretenes Lächeln lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihren verführerisch sinnlichen Mund, was wider Willen erneut sein erotisches Interesse weckte.
„Ich war gerade auf der Bank“, erklärte sie freimütig, „und hatte noch keine Zeit, das Geld wegzustecken.“
Was ging es ihn an? Sie war doch nur eine dieser amerikanischen Touristen, wie er im Lauf der Jahre unzählige gesehen hatte … angefangen bei den allerersten, die mitleidig die russischen Waisenkinder wie Weltwunder begafft hatten, bis hin zu jenen, die mit festen Vorstellungen und einer Armee von Psychologen und Gutachtern gekommen waren, um sicherzugehen, dass keines der Kinder zu stark geschädigt war. Als ob die eine Ahnung hätten!
Und dann waren da noch die Pauschaltouristen wie diese junge Amerikanerin, die wie Schwärme auf dem Roten Platz einfielen und den Kreml und das Warenhaus GUM und alles andere eher als bizarre Sehenswürdigkeiten bestaunten, denn als Zeugnisse der herzzerreißenden Geschichte seines Landes. Seine Zeit war zu schade für sie. Sergej hatte sich schon halb abgewandt, als er ihren leisen Wehlaut hörte.
Unwillkürlich drehte er sich wieder um. „Was ist?“
„Mein Pass …“
„Ihr Pass steckte auch in der Manteltasche?“
Sie lächelte zerknirscht. „Ich weiß, ich weiß. Aber ich habe Travellerschecks eingelöst und musste mich dafür ausweisen …“
„Travellerschecks.“ Gab es die im Zeitalter des Online-Bankings überhaupt noch? „Warum, in aller Welt, haben Sie keine Scheckkarte benutzt?“ Das war doch viel einfacher und sicherer. Wenn man sie nicht lose in der Manteltasche mit sich herumtrug und womöglich die PIN-Nummer auf der Rückseite notierte, um dem Dieb entgegenzukommen. Was er dieser Frau zutraute.
Sie blickte auf, und da war wieder dieses Aufblitzen in den Tiefen ihrer blauen Augen. „Ich ziehe Travellerschecks vor.“
Sergej gab es auf. „Schön.“ Er wollte sich abwenden und hätte es auch getan, wenn in diesem Moment nicht ihr Lächeln so verräterisch gezittert hätte. Rasch senkte sie den Blick, um die Traurigkeit zu verbergen, die er längst bemerkt hatte. Sein Herz krampfte sich zusammen, ein Gefühl, das er seit Jahren nicht mehr gehabt hatte. Ein trauriger Blick von ihr, den er gar nicht hatte sehen sollen, hatte genügt, dieses Gefühl in ihm zu wecken. Und das machte ihn wütend.
Hannah wusste, dass es ziemlich dumm von ihr gewesen war, Geld und Pass in die äußere Manteltasche zu stecken. Sie hatte beides ja auch sicher verstauen wollen, war aber von der Schönheit der Basiliuskathedrale abgelenkt worden, deren farbenprächtige Zwiebeltürme sich so malerisch von dem blauen Himmel abhoben. Darüber hinaus war sie in Gedanken auch damit beschäftigt gewesen, dass es der letzte Tag ihrer Reise war. Schon morgen würde sie den kleinen Laden auf dem Lande nördlich von New York aufschließen und sich abstrampeln, damit er sich rentierte. Und obwohl sie wusste, dass es nicht richtig war, empfand sie bei dieser Vorstellung … Traurigkeit? Bedauern? Sie versuchte, es zu verdrängen.
Und jetzt sah sie dieser russische … Zorro an, als wollte er sie
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