Julia Extra Band 0350
mit den Blicken seiner eisblauen Augen durchbohren. Bekleidet mit einem schwarzen Ledermantel und schwarzen Jeans, wirkte er buchstäblich wie ein dunkler Racheengel und ziemlich einschüchternd. Das extrem kurz geschnittene braune Haar ließ das markante Gesicht noch verwegener aussehen, weshalb Hannah fast das Herz stehen geblieben war, als er sich ihr genähert hatte.
Zu allem Überfluss war nun ihr letztes Geld weg. Ebenso ihr Pass. Und ihr Rückflug nach New York ging in fünf Stunden.
„Was noch?“, fragte der Mann nun und widerwillig. „Ihnen ist klar, dass Sie jetzt zu Ihrer Botschaft müssen, oder? Da wird man Ihnen wegen des Passes weiterhelfen.“
„Ja.“ Hannah schluckte. „Wissen Sie zufällig, wie lange das dauert?“
„Ein paar Stunden, denke ich, um den nötigen Papierkram zu erledigen.“ Er sah sie spöttisch an. „Ist das ein Problem?“
„Ehrlich gesagt, ja.“ Sie lächelte, obwohl kalte Panik ihr den Hals zuschnürte. So allmählich dämmerte ihr, in was für einem Schlamassel sie wirklich steckte. Kein Pass. Kein Geld. Sie würde ihren Flug verpassen und saß in Moskau fest.
„Das hätten Sie sich vielleicht eher überlegen sollen, bevor Sie so unbedarft über den Roten Platz spaziert sind“, meinte ihr Gegenüber ungerührt. „Genauso gut hätten Sie sich ein Schild um den Hals hängen können, dass Sie ein Tourist sind.“
„Ich bin ja eine Touristin“, erwiderte Hannah ruhig. „Und warum regen Sie sich so auf? Es ist doch nicht Ihr Geld oder Ihr Pass.“
Einen Moment schaute er sie verblüfft an. „Sie haben recht“, sagte er dann. „Es geht mich wirklich nichts an.“ Aber er wandte sich nicht ab, wie sie eigentlich erwartet hatte, sondern betrachtete sie, als würde er aus ihr nicht schlau.
„Eigentlich ist mir das mit dem Geld auch egal“, fügte Hannah hinzu. Oder zumindest wäre es ihr egal gewesen, wenn es nicht ihr letztes Geld gewesen wäre. Und was den Pass betraf … Sie gab sich alle Mühe, dem bohrenden Blick des Russen standzuhalten. „Die Jungs waren ja höchstens zwölf und sahen aus, als hätten sie es nötiger als ich. Wenigstens können sie sich jetzt etwas zu essen kaufen.“
„Glauben Sie das im Ernst? Auf der Straße ist man mit zwölf schon ziemlich alt“, lautete die lakonische Antwort. „Und Essen lässt sich leicht organisieren, indem man auf dem Markt etwas mitgehen lässt oder hinter den Restaurants auf die Abfälle wartet. Nein, Geld gibt man nicht für Essen aus. Es sei denn, man hat absolut keine andere Wahl.“
Sein wissender Ton und das zornige Aufblitzen in seinen eisblauen Augen machten Hannah betroffen. „Tut mir leid“, sagte sie leise. „Und vielen Dank für Ihre Hilfe … Na ja, wenn ich Sie nicht abgehalten hätte, wäre mein Geld vielleicht immer noch da.“ Und ihr Pass.
Er nahm ihren Dank mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. „Gehen Sie jetzt zu Ihrer Botschaft?“, fragte er sie nach einigem Zögern. „Sie wissen doch, wo sie ist?“
„Ja.“ Tatsächlich hatte sie keine Ahnung, aber sie wollte nicht noch dümmer vor ihm dastehen. „Vielen Dank noch mal.“
„Viel Glück“, sagte er schroff.
Hannah nickte ihm zum Abschied zu und ging über den Roten Platz davon.
Nachdem sie den russischen Macho losgeworden war, kehrte ihre Panik zurück. Für den Fall, dass er sie noch beobachtete, ging sie dennoch mit stolz erhobenem Kopf auf die andere Seite des Platzes. Dort erst zog sie ihren Stadtplan zurate, um herauszufinden, wo sich die amerikanische Botschaft befand.
Zwei Stunden später stand Hannah vor der Eingangsloge des Konsulats der amerikanischen Botschaft und erfuhr, dass sie den Diebstahl erst bei der Polizei anzeigen musste, bevor sie mit einem entsprechenden Formular zurückkommen und einen neuen Pass beantragen konnte. Die Frau hinter dem Logenfenster zeigte weder Mitgefühl noch Interesse. Vermutlich waren derartige Geschichten alltäglich für sie.
Hannah schluckte. „Aber … mein Flug geht heute Abend.“
„Buchen Sie um“, sagte die Angestellte ungerührt. „Es dauert Tage, bis Sie einen neuen Pass bekommen. Dann müssen Sie ein neues Einreisevisum beantragen.“
Einreisevisum? „Aber ich will doch abreisen .“
Die Konsulatsangestellte zuckte die Schultern. „Ihr russischer Kontakt muss für Sie bürgen.“ Sie schob ein Antragsformular unter dem Fenster hindurch, und Hannah sah entsetzt, dass die Gebühr für den neuen Pass einhundert Dollar betrug.
„Mein Kontakt ist nur ein
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