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Koenigsmoerder

Koenigsmoerder

Titel: Koenigsmoerder Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karen Miller
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und bewaldeten Tälern tanzen ließ. »Ist sie nicht prachtvoll?«, flüsterte er.
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    Es lag etwas so Nacktes in seinen Zügen, dass es Asher verlegen machte. Liebe...
    Sehnsucht... Habgier... Verlangen... oder irgendeine eigenartige Mischung all dieser verschiedenen Gefühle. Es war eine zu intime Regung, als dass irgendjemand das Recht gehabt hätte, ihn dabei zu beobachten.
    Er blickte auf. Ob es seine Fantasie war oder ein Streich des kristallklaren Glases, das sich über ihm wölbte, wusste er nicht, aber die Sterne sahen zum Greifen nah aus. Ebenso die Mauer, Silber und Gold, die ihn mit ihrer Schönheit erdrückte. Er musste den Blick wieder senken, denn es war zu viel, um es zu ertragen. Gar umkreiste noch immer wie eine Katze, die eine Schale mit Sahne betrachtete, sein kleines Königreich, versunken in einem privaten Tagtraum und mit entblößter Seele. Asher wandte den Blick von ihm ab und suchte sich etwas anderes, das er betrachten konnte.
    Die runde Wand der Wetterkammer war vor langer Zeit weiß verputzt worden.
    Ringsum standen hüfthohe Bücherregale und ein zweitüriger Schrank aus Kirschholz. Die Regale bogen sich unter der Last in Leder gebundener Bücher, einige davon dick, andere dünn, manche uralt, manche fast neu. Der Raum zwischen der Decke und den Regalen war wie ein Kindermalbuch bedeckt mit Kalendern, Karten, Diagrammen, handgeschriebenen Notizen auf vergilbenden Fetzen Pergaments, Skizzen, hingekritzelten Bemerkungen ...
    Er sah, dass sie alle in irgendeiner Form mit dem Wetter zusammenhingen.
    Regendiagramme, Windkarten, Anweisungen für die einzelnen Jahreszeiten, Tabellen der Pflanzzeiten, Indikatoren für Schneefall. Aufzeichnungen darüber, welche Ernten wann und wo und auf welche Weise eingebracht werden mussten und welches Wetter die Bauern benötigten, um ihre Arbeiten rechtzeitig auszuführen. Wie viel Regen vonnöten war, um das Gras im Pferdezuchtdistrikt der Waldigen Täler saftig werden zu lassen. Wie viel Schnee nach Ansicht der Winzer gerade genug war, um Eiswein keltern zu können. Wie tief der Gant zufrieren sollte, um im Winter das Eislaufen zu ermöglichen, und welches die günstigste Temperatur war, um das Eis vorsichtig tauen zu lassen, wenn der Frühling
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    kam. Keine einzige Facette des Lebens der Olken und Doranen fehlte. Es war an alles gedacht, für alles gesorgt.
    Als er den Blick einmal im Kreis durch den Raum hatte wandern lassen, sah er zu Gar hinüber und schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Ahnung...«
    »Warum solltest du auch?«, fragte Gar. Er ging nicht länger um die Karte herum, sondern beobachtete stattdessen ihn. Sein Gesichtsausdruck war wieder unverfänglich, alle privaten Gefühle säuberlich verborgen. »Das Wettermachen ist keine Sorge der Olken. Es obliegt allein den Doranen. Nur von dem Wettermacher wird verlangt, diese Last zu schultern. Ihr Gewicht und ihre Bedeutung in der Welt zu kennen. Das Gleichgewicht ist zu heikel, das Ausmaß möglicher Katastrophen wäre zu groß, als dass es anders sein könnte.« Er lächelte. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Boot kentert, ist geringer, wenn nur eine Hand am Ruder liegt.«
    »Es ist zu viel«, sagte Asher. »Zu viel für einen einzigen Mann. Oder eine Frau.«
    Er deutete mit der Hand auf die Wand. »Ihr dachtet, Fane könnte dies tun? Die kleine Fane? Sie wäre niemals stark genug gewesen. Ich hätte sie mit bloßen Händen durchbrechen können!«
    Gars bleiches Gesicht wurde vollkommen reglos, sodass es aussah wie eine Maske aus Marmor. Als Asher bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte, fluchte er leise. »Gar, ich meinte nicht... Bitte...«
    »Es ist schon gut. Am Ende ist sie in der Tat leicht zerbrochen, nicht wahr? Aber das waren nur Fleisch und Knochen. Was wir hier haben, ist eine Frage der Macht. Und Barl weiß, davon besaß Fane mehr als die meisten.«
    »Mehr als Ihr?«
    Gar zuckte mit den Schultern. »Die Frage ist müßig. Die einzige, die jetzt zählt, lautet: Habe ich genug?« »Und habt Ihr genug?«
    »Um das herauszufinden sind wir hier, nicht wahr?«
    Wieder betrachtete Asher die Wand der Wetterkammer mit ihrer Last von Wissen, von Geschichte. Von Erwartungen. »Habt Ihr irgendeine Vorstellung, was all das bedeutet?«
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    »Eine gewisse Vorstellung«, gestand Gar. »Aber darüber mache ich mir nicht solche Sorgen. Siehst du die Bücher auf den Bücherregalen? Es sind die Tagebücher sämtlicher Wettermacher, die je gelebt haben, bis zurück zu Barl selbst. Auf ihren

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