Krieg und Frieden
...« Er wußte nicht, was er sagen sollte.
Natalie war sichtlich erschrocken darüber, daß Peter sie falsch verstehen könne. »Ich weiß, daß alles zu Ende ist«, sagte sie hastig. »Nein, es kann niemals sein! Mich quält nur der Gedanke, daß ich ihm Böses zugefügt habe. Sagen Sie ihm nur, ich bitte ihn, zu verzeihen! ...« Sie zitterte am ganzen Körper und mußte sich niedersetzen.
Ein noch nie empfundenes überwältigendes Gefühl von Mitleid erfüllte Peter. »Ich werde es ihm sagen«, sagte er, »aber eins möchte ich wissen ...«
»Was ist das?« fragte Natalies Blick.
»Ich möchte wissen, ob Sie ihn liebten? ...« Peter wußte nicht, wie er Anatol nennen sollte und errötete, »ob Sie diesen schlechten Menschen liebten?«
»Nennen Sie ihn nicht schlecht«, sagte Natalie, »aber ich weiß nichts! – nichts!« Sie weinte.
»Sprechen wir nicht mehr davon«, sagte Peter.
So seltsam erschien Natalie plötzlich diese milde, herzliche Stimme.
»Sprechen wir nicht mehr davon. Ich werde ihm alles sagen, aber ich bitte Sie nur um eins, sehen Sie mich immer als Ihren Freund an, und wenn Sie Hilfe und Rat bedürfen, so denken Sie an mich!« Er ergriff ihre Hand und küßte sie. »Ich werde glücklich sein, wenn ich imstande bin ...« Peter stockte verwirrt.
»Sprechen Sie nicht so mit mir, ich verdiene das nicht«, rief Natalie und wollte das Zimmer verlassen, aber Peter hielt sie an der Hand zurück. Er wußte, daß er noch etwas zu sagen hatte, aber als er es aussprach, war er selbst über seine Worte verwundert.
»Hören Sie auf zu weinen, das ganze Leben liegt noch vor Ihnen«, sagte er.
»Vor mir? Nein, für mich ist alles zu Ende«, sagte sie mit Beschämung. »Alles zu Ende?« wiederholte er! »Wenn ich nicht ich wäre, sondern der schönste, größte und beste Mensch der Welt und frei wäre, so würde ich in diesem Augenblick Sie auf den Knien um Ihre Hand und Ihre Liebe bitten.«
Zum erstenmal seit vielen Tagen weinte Natalie Tränen der Dankbarkeit und Rührung. Mit einem Blick auf Peter verließ sie das Zimmer.
Nach ihr eilte auch Peter fast im Lauf ins Vorzimmer hinaus. Er konnte die Tränen der Rührung und des Glücks kaum zurückhalten. Er vermochte nicht den Ärmel zu finden, warf den Pelz um und setzte sich in den Schlitten.
»Wohin befehlen Sie?« fragte der Kutscher.
»Wohin?« wiederholte Peter. »Wohin kann ich jetzt fahren. In den Klub oder in Gesellschaft?« Alle Menschen schienen ihm jetzt so armselig im Vergleich mit dem Gefühl der Verehrung und Liebe, das er empfunden hatte.
»Nach Hause«, sagte Peter.
Es war eine helle Frostnacht. Über den schmutzigen, halbdunklen Straßen, über den schwarzen Dächern wölbte sich der dunkle Himmel. Dort oben stand der helle, ungeheure Komet von 1812, derselbe, welcher, wie man sagte, alle Schrecken und das Ende der Welt voraussagte. Aber in Peter erregte dieses Gestirn mit seinem langen, feurigen Schweif kein Gefühl des Schreckens, im Gegenteil, mit tränenfeuchten Augen blickte er hinauf nach dem feurigen Kometen, welcher mit unbeschreiblicher Schnelligkeit unermeßliche Strecken in parabolischer Linie durchlief. Die Erscheinung dieses Gestirns entsprach vollkommen dem, was in seiner zu neuem Leben erwachten Seele vorging.
133
Am 29. Mai verließ Napoleon Dresden, wo er drei Wochen zugebracht hatte, umgeben von einem Hof von Fürsten, von Herzögen, Königen und sogar einem Kaiser. Vor seiner Abreise schmeichelte Napoleon den Prinzen und Königen, welche das verdient hatten, und gab den Königen und Fürsten, mit denen er unzufrieden war, seine Ungnade zu erkennen, beschenkte die österreichische Kaiserin mit Brillanten und umarmte zärtlich die Kaiserin Maria Luise, welche die Trennung kaum noch ertragen zu können schien. Obgleich die Diplomatie noch fest an die Möglichkeit des Friedens glaubte, und obgleich Napoleon selbst an Kaiser Alexander einen Brief geschrieben hatte, worin er ihn »mein Herr Bruder« nannte und versicherte, er wünsche keinen Krieg, fuhr er doch zur Armee ab und gab auf jeder Station neue Befehle, um den Marsch der Armee gegen Osten zu beschleunigen. Er fuhr in einem sechsspännigen Reisewagen, umgeben von seinen Adjutanten, über Posen, Thorn, Danzig, nach Königsberg; überall kamen ihm Tausende von Menschen zitternd und zögernd entgegen.
Am 10. Juni holte er die Armee ein und übernachtete im Walde von Wilkowischki, wo auf dem Gute eines polnischen Grafen Quartier für ihn bereitgehalten
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