Laura Leander 04 - Laura und der Fluch der Drachenkönige
trug, und ließ erneut ein Fiepen hören.
Da endlich begriff Laura: Natürlich!
Sturmwind und Schmatzfraß hatten ja Recht! Sie musste weiter. Sie durfte nicht wankelmütig werden und vor der großen Aufgabe zurückschrecken, die das Schicksal ihr übertragen hatte. Sie musste dafür sorgen, dass das zerbrochene Schwert so schnell wie möglich wieder zusammengeschmiedet wurde. Denn nur mit seiner Hilfe würde sie ihren Vater aus der Gewalt des Schwarzen Fürsten befreien können. Deshalb musste sie schleunigst den versteckten See erreichen. Den See, der von der gleichen Quelle gespeist wurde, der auch das Wasser des Lebens entsprang. Da er alle Geheimnisse kannte, wusste er auch von dem großen Mysterium, welches das Schwert des Lichts umgab.
Laura schnalzte leise mit der Zunge. Sofort trabte Sturmwind an und trug seine Herrin weiter, immer den schmalen Pfad entlang. Kurze Zeit später schon lichtete sich das Dickicht, Bäume und Sträucher wuchsen spärlicher, bis sie schließlich ganz verschwanden und sich die nackten Wände des schmalen Canyons vor den Augen des Mädchens erhoben. Die Felsen ragten schier endlos in die Höhe und versperrten dem Sonnenlicht den Weg zum Boden der Schlucht, die höchstens fünf Meter breit war und sich zusehends verengte, bis sie schließlich in einen schmalen Durchlass von nicht einmal einem halben Meter mündete.
Erneut hielt Laura ihr Pferd an. Sturmwind würde das Nadelöhr nicht passieren können. Sie musste ihn zurücklassen und dem Pfad allein folgen. Die Frage war nur, ob dieser sie auch an ihr Ziel führen würde.
Beunruhigt kniff das Mädchen die Augen zusammen und spähte durch den Engpass. Wie ein verheißungsvolles Versprechen gleißte dahinter helles Tageslicht auf. Verbarg sich dort tatsächlich das verwunschene Tal? Oder lauerte dort vielleicht nur… G efahr?
Wieder war es Sturmwind, der ihre Bedenken zu zerstreuen suchte. Wie eine barsche Aufforderung hallte das ungeduldige Wiehern des Schimmels von den Felswänden wieder. Jetzt stell dich nicht so an, Laura!, schien er ihr sagen zu wollen. Geh endlich weiter – oder hast du alle Mühen auf dich genommen, nur um im letzten Moment zurückzuschrecken?
Laura zuckte zusammen. Sturmwind hatte ja Recht! Sie hatte bereits unzähligen Gefahren getrotzt seit jener Nacht, in der sie in den Kreis der Wächter aufgenommen worden war, und immer wieder ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um den schwierigen Aufgaben gerecht zu werden, die das Schicksal ihr zugedacht hatte. Was hatte sie nicht alles gewagt, um sie zu erfüllen! Sie hatte den Kelch der Erleuchtung aufgespürt und ihn zurück nach Aventerra, in die Welt der Mythen, gebracht. Sie hatte das Geheimnis um das Siegel der Sieben Monde entschlüsselt und selbst das todbringende Orakel der Silbernen Sphinx gelöst – und da sollte sie vor diesem schmalen Felsspalt zurückschrecken?
D as war doch lächerlich!
Laura richtete sich entschlossen auf, und der Wankelmut fiel von ihr ab wie ein lästiger Umhang, den ein Windstoß von den Schultern fegt.
Sie stieg aus dem Sattel und trat zu Sturmwind. »In Ordnung, Alter«, sagte sie, während sie dem Hengst zärtlich über die feuchten Nüstern strich. »Warte hier auf mich. Es wird bestimmt nicht lange dauern.« Dann wandte sie sich an den Swuupie, der immer noch auf ihrer Schulter thronte. »Du bleibst auch hier, Schmatzfraß«, sagte sie, »und leistest Sturmwind Gesellschaft.«
Offensichtlich hatte das putzige Tierchen sie verstanden. Es breitete die Flügel aus und flatterte auf den Rücken des Schimmels, wo es sich im Sattel niederließ und Laura flehentlich anschaute.
Das Mädchen begriff sofort. »Wie kann man nur so verfressen sein«, tadelte es den Swuupie im Scherz, bevor es in die Satteltasche griff und einen Duftapfel hervorholte. »Verschluck dich bloß nicht in deiner Gier«, warnte es nachsichtig lachend, während das Tierchen gierig nach der Frucht griff und sich laut schmatzend darüber hermachte. Nach einem letzten Klaps auf den Hals von Sturmwind drehte Laura sich um und ging festen Schrittes auf den Durchlass zu, als das Licht am anderen Ende mit einem Male heller wurde.
W eithin sichtbar krönte Burg Ravenstein die sanft gewellte Hügellandschaft. Wie eine riesige Katze aus Stein, die im Mittagsschlaf vor sich hin döst, lag das dreigeschossige Internatsgebäude inmitten einer weitläufigen Parklandschaft. Nur der hohe Ostturm mit der zinnenbewehrten Aussichtsplattform schien darüber zu wachen,
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