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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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gerührt; Priamos sprach gütige Worte zu dem Heuchler, hieß ihn die argen Griechen vergessen und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wolle, was für eine Beschaffenheit es mit dem hölzernen Rosse habe, dem er soeben den Beinamen eines heiligen gegeben. Sinon hob seine der Fesseln entledigten Hände gen Himmel und betete mit trügerischer Andacht:
    »Ihr Götter, denen ich schon geweiht war, du Altar und du verfluchtes Schwert, das mich bedrohte, ihr seid mir Zeugen, daß die Bande, die mich an mein Volk bisher knüpften, zerrissen sind und daß ich nicht frevle, wenn ich ihre Geheimnisse aufdecke! Von jeher war alle Hoffnung der Danaer in diesem Kriege auf die Hilfe der Göttin Pallas Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel, den sie bei euch zu Troja hat, ihr Bild, das 244
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    Palladion, entwendet worden – und zwar, was ihr Trojaner wohl zum erstenmal erfahret, durch die Hände schlauer Griechen –, ging alles rückwärts; die Göttin war erzürnt, und das Glück hatte die Waffen der Danaer verlasen. Da erklärte Kalchas, der Seher, auf der Stelle müßte man mit den Schiffen umkehren, um im Vaterlande selbst neue Befehle der Götter einzuholen. Ehe das Palladion an seine Stelle zurückgebracht sei, dürften sie auf keinen glücklichen Ausgang des Feldzuges hoffen. Dies bewog die Danaer, die Flucht zu beschließen, welche sie nun auch wirklich ausgeführt haben. Zuvor aber erbauten sie noch, auf den Rat ihres Propheten, dieses hölzerne Riesenpferd, das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn zu versöhnen. Diese Maschine ließ Kalchas so unermeßlich in die Höhe bauen, wie ihr sehet, damit ihr Trojaner sie nicht durch eure Tore führen und in eure Stadt bringen könntet, weil auf diese Weise der Schutz der Athene euch zuteil werden würde. Wenn hingegen eure Hand sich an dem geheiligten Pferde, als einem Überbleibsel eurer Feinde vergriffe – dies war es, was sie zu hoffen wagten –, dann wäre euer und eurer Stadt Verderben gewiß. Und in dieser Zuversicht gedenken sie in kurzer Frist, sobald sie zu Argos die Götterbefehle vernommen, zurückzukehren und hoffen, das Palladion der Göttin eurer eroberten Stadt zurückgeben zu können.«
    Das Lügengewebe war so wahrscheinlich ersonnen, daß Priamos und alle Trojaner dem Betrüger Glauben schenkten; Athene aber wachte über das Geschick ihrer Freunde, die in dem Rosse noch immer in banger Erwartung eingeschlossen saßen und seit der Warnung des Laokoon in beständiger Todesangst schwebten. Die Helden wurden aus dieser Gefahr durch ein entsetzliches Wunder befreit. Eben jener Laokoon, der Priester des Apollo, hatte nach dem Tode des Poseidonpriesters auch diese Würde durchs Los erhalten und opferte jetzt gerade am Meeresgestade dem Gott einen stattlichen Stier am Altare. Siehe, da kamen von der Insel Tenedos aus durch die spiegelglatte Meerflut zwei ungeheure Schlangen gerudert und nahmen ihren Weg nach dem Ufer: ihre Brust und die blutrote Mähne ragten aus dem Wasser hervor, der übrige Teil ihrer Leiber ringelte sich unter den Fluten fort. Die See plätscherte unter ihrer Spur, und jetzt waren sie am Lande, züngelten und zischten und sahen sich mit feurigen Augen um. Die Trojaner, die noch immer in Menge um das Roß herumstanden, wurden totenblaß und ergriffen die Flucht, die Tiere aber nahmen ihre Richtung nach dem Uferaltare des Meergotts, wo Laokoon mit seinen zwei jungen Söhnen beim Opfer beschäftigt war. Zuerst wandten sie sich um die Leiber der beiden Knaben und bohrten ihren giftigen Zahn in ihr zartes Fleisch. Als die Verwundeten laut aufschrien und der Vater selbst ihnen mit gezogenem Schwerte zu Hilfe kommen wollte, schlangen sie sich mit mächtigen Windungen auch diesem zwiefach um den Leib und überragten ihn bald mit ihren aufgerichteten Hälsen und zischenden Häuptern.
    Seine Priesterbinde troff von Eiter und Gift. Vergebens bestrebte er sich, die Schlingen mit seinen Händen loszumachen; und inzwischen entfloh der schon getroffene Stier blutig und brüllend vom Altar und schüttelte das Beil aus dem Nacken. Laokoon erlag mit seinen beiden Kindern den Schlangenbissen, und nun schlüpften die Tiere in langen Krümmungen dem hochragenden Tempel der Athene zu und bargen sich dort unter den Füßen und dem Schilde der Göttin.
    Das Trojanervolk sah in diesem gräßlichen Ereignis eine Bestrafung der

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