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SdG 05 - Der Tag des Sehers

SdG 05 - Der Tag des Sehers

Titel: SdG 05 - Der Tag des Sehers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Steve Erikson
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machen.«
    »Lasst sie ruhig schreien«, grollte das Todbringende Schwert. »Beim Vermummten, wir haben mehr als unseren Teil getan, während sie sich zurückgelehnt und gelacht haben. Es ist an der Zeit, den Panzerhandschuh an der anderen Hand zu tragen.«
    Der Schnelle Ben seufzte unhörbar. Schon in Ordnung, Vermummter, ich hab’s nicht ernsthaft versucht, aber nur, weil klar war, dass Paran nicht vorhatte, auf dich zu hören. Und vielleicht kann ich es jetzt, wo ich genau darüber nachdenke, sogar verstehen. Also solltest du vielleicht über diesen Rat nachdenken: Es wird ein Haus der Ketten geben. Akzeptiere es und bereite dich darauf vor. Du hast reichlich Zeit … mehr oder weniger.
    Oh, und noch etwas, Vermummter. Du und deine Kameraden, die anderen Götter, ihr habt die Regeln viel zu lange unangefochten festgelegt. Tretet jetzt zurück und schaut zu, wie es uns Sterblichen ergeht … Ich glaube, ihr werdet die eine oder andere Überraschung erleben.
     
    Blass und dreckverschmiert, aber am Leben. So stiegen die Überlebenden aus der letzten Tunnelöffnung herauf, als der Himmel im Osten fahl wurde; bleich gewordene Bewohner der Wurzeln der Stadt, die vor dem Fackellicht zurückscheuten, während sie auf den Platz hinausstolperten, wo sie dann herumirrten, als kämen sie sich an dem Ort, den sie einst ihr Heim genannt hatten, nun verloren vor.
    Schild-Amboss Itkovian saß einmal mehr auf seinem Schlachtross, obwohl ihm bei jeder plötzlichen Bewegung schwindlig wurde; in seinem Kopf drehte sich alles vor Erschöpfung, und seine Wunden schmerzten noch immer. Seine Aufgabe war es jetzt, sichtbar zu sein; das war der einzige Grund für seine Anwesenheit. Vertraut, erkennbar, beruhigend.
    Am kommenden Tag würden die Priester und Priesterinnen des Maskenrats eine Prozession durch die Stadt beginnen, um ihrerseits den Bürgern zu versichern, dass es noch Autorität gab, dass jemand alles unter Kontrolle hatte, dass das Leben wieder beginnen konnte. Aber hier, in der immer noch herrschenden Dunkelheit – einen Zeitpunkt, den Itkovian gewählt hatte, um den Schock der umliegenden Zerstörung zu mildern –, während die Priester noch friedlich im Knecht schliefen, waren die Grauen Schwerter, die alles in allem noch dreihundertneunzehn Köpfe zählten – einschließlich derjenigen aus den Tunneln – an jeder Tunnelmündung und an jedem Ort postiert, wo die Menschen zusammenkamen.
    Sie waren da, um dafür zu sorgen, dass das Kriegsrecht eingehalten wurde, und den Vorgängen eine Art melancholischer Ordnung zu verleihen, doch ihr größter Wert lag – wie Itkovian sehr wohl wusste – in der Botschaft, die sie durch ihre Anwesenheit übermittelten.
    Wir sind die Verteidiger. Und wir sind immer noch da.
    Während der Kummer die Dunkelheit war, war der Sieg und alles, was er bedeutete, ein Grauwerden, das der Morgendämmerung gleichkam, ein Nachlassen des Drucks, der durch den Verlust entstand, und der Zerstörung, die langsam auf allen Seiten sichtbar wurde. Den Konflikt in jedem und jeder einzelnen Überlebenden – die brutale Willkür des Schicksals, die den Geist plagte – konnten sie nicht erleichtern, doch die Grauen Schwerter waren einfach da. Fest und unerschütterlich. Sie waren zur Standarte dieser Stadt geworden.
    Und wir sind immer noch da.
    Wenn diese Aufgabe beendet war, war Itkovians Meinung nach der Kontrakt erfüllt. Gesetz und Ordnung konnten den Gidrath aus dem Knecht überlassen werden. Die überlebenden Grauen Schwerter würden Capustan verlassen und voraussichtlich niemals zurückkehren. Die Frage, die den Schild-Amboss nun beschäftigte, drehte sich um die Zukunft der Kompanie. Von mehr als siebentausend waren dreihundertneunzehn übrig geblieben: Es war gut möglich, dass die Grauen Schwerter sich nie wieder von dieser Belagerung erholen würden. Doch selbst mit solch entsetzlichen Verlusten hätte man noch umgehen können, wäre das alles gewesen. Die Vertreibung Feners aus seinem Gewirr war etwas ganz anderes. Eine Armee, die einem Gott verschworen war, der seine Macht verloren hatte, unterschied sich, soweit es Itkovian anbelangte, nicht von irgendeiner anderen Söldnertruppe: eine Sammlung von Außenseitern, unter die sich ein paar Berufssoldaten gemischt hatten. Ein Stapel Münzen war kein zuverlässiges Rückgrat; nur wenige Kompanien konnten heutzutage zu Recht Ehre und Integrität für sich in Anspruch nehmen; nur wenige würden in Treue fest stehen, wenn es eine Fluchtmöglichkeit

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