SdG 05 - Der Tag des Sehers
Ihr, glaube ich, als irgendein blutrünstiger Quadratfuß mit einer einzigen Augenbraue, Grantl. Ein gewisser Widerwille, diese Schwerter – und damit all das, was sie repräsentieren – aus den Scheiden zu ziehen, scheint mir eine gute Sache zu sein. Die Götter wissen, dass das im Augenblick viel zu selten vorkommt.«
»Da bin ich mir nicht so sicher. Diese ganze Stadt war widerwillig. Die Priester, die Gidrath, ja, sogar die Grauen Schwerter. Wenn es irgendeine andere Möglichkeit gegeben hätte …« Er zuckte die Schultern. »Und für mich gilt das Gleiche. Wenn das mit Harllo und Stonny nicht passiert wäre, dann würde ich jetzt mit den anderen da unten in den Tunneln hocken und bibbern.«
»Stonny ist Eure Freundin, die Frau mit dem abgebrochenen Rapier, richtig? Wer ist Harllo?«
Grantl wandte einen Augenblick das Gesicht ab. »Ein weiteres Opfer, Hauptmann.« Seine Stimme klang bitter. »Einfach nur ein weiteres Opfer. Ich habe gehört, dass Eure malazanische Armee sich wenige Meilen westlich von hier befindet, dass sie gekommen ist, um an diesem verfluchten Krieg teilzunehmen. Warum?«
»Eine momentane Verirrung. Uns sind die Feinde ausgegangen.«
»Soldatenhumor. Den konnte ich noch nie verstehen. Ist es Euch denn so wichtig zu kämpfen?«
»Falls Ihr mich persönlich meint, dann nein, das ist es nicht. Aber für Männer wie Dujek Einarm oder Elster ist es die Summe ihres Lebens. Sie machen Geschichte. Ihre Gabe ist es, führen zu können. Was sie tun, verändert die Landkarten der Gelehrten. Was die Soldaten angeht, die ihnen folgen, würde ich sagen, die meisten betrachten es als Beruf – wahrscheinlich der einzige, in dem sie gut sind. Sie sind der Fleisch und Blut gewordene Wille des Kommandanten, dem sie dienen, und so machen sie auch selbst in gewisser Weise Geschichte, jeder einzelne Soldat zu seiner Zeit.«
»Und was passiert, wenn ihre Kommandanten selbstmörderische Narren sind?«
»Es ist das Los eines jeden Soldaten, sich über seine Offiziere zu beklagen. Jeder schlammverkrustete Fußsoldat ist ein Künstler darin, im Nachhinein zu kritisieren, ist ein Meisterstratege, wenn alles vorbei ist. In Wirklichkeit ist es aber so, dass im malazanischen Imperium hervorragende, fähige Kommandanten Tradition haben.
Sie sind hart, aber gerecht, und haben sich normalerweise hochgedient, obwohl ich zugeben muss, dass meine eigene Adelsklasse mehrfach in zerstörerischer Weise in diese Tradition eingegriffen hat. Hätte ich selbst einen etwas ungefährlicheren Pfad beschritten, wäre ich jetzt vielleicht schon eine Faust – natürlich nicht aufgrund meiner Fähigkeiten oder meiner Erfahrung. Beziehungen hätten ausgereicht. Aber mittlerweile hat die Imperatrix das Problem erkannt und sich darum gekümmert – allerdings wahrscheinlich zu spät.«
»Warum im Namen des Vermummten hat sie dann Dujek Einarm zum Ausgestoßenen erklärt?«
Paran schwieg ein paar Herzschläge lang, zuckte dann die Schultern. »Politische Gründe. Wahrscheinlich kann selbst eine Imperatrix gelegentlich gezwungen sein, etwas aus Gründen der Zweckdienlichkeit zu tun.«
»Das hört sich für mich an wie eine Finte«, murmelte Grantl. »Man trennt sich nicht in einem Anfall von Ärger von seinem besten Befehlshaber.«
»Ihr könntet Recht haben. Leider kann ich Eure Vermutung weder bestätigen noch widerlegen. Wie auch immer, es schwären alte Wunden zwischen Laseen und Dujek.«
»Hauptmann Paran, Ihr sprecht offener, als es gut für Euch ist – nicht dass es mich etwas anginge, versteht Ihr. Aber Ihr zeigt eine Offenheit und eine Ehrlichkeit, die Euch eines Tages an den Galgen bringen könnten.«
»Dann kommt hier noch ein bisschen mehr davon, Todbringendes Schwert. Ein neues Haus ist erschienen, will zu einem Teil der Drachenkarten werden. Es gehört zum Verkrüppelten Gott. Ich kann den Druck spüren – die Stimmen zahlloser Götter, die alle fordern, dass ich meine Zustimmung verweigere, denn ich scheine derjenige zu sein, der mit dieser Verantwortung verflucht ist. Soll ich das Haus der Ketten segnen oder nicht? Die Argumente gegen einen solchen Segen sind überwältigend, und ich brauche keinen Gott, der ständig in meinem Kopf flüstert, um mir darüber klar zu sein.«
»Und wo ist dann das Problem, Hauptmann?«
»Ganz einfach. Es gibt eine einzige Stimme, tief in meinem Innern, so tief vergraben, dass sie beinahe unhörbar ist. Eine einzige Stimme, Grantl, die mich auffordert, genau das Gegenteil zu
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