SdG 05 - Der Tag des Sehers
kichernd ab. »Du müsstest einen Krieger bewusstlos schlagen und ihn hinter dir her zerren, und selbst dann ist es wahrscheinlich, dass seine Brüder und Freunde auf dich losgehen würden, noch ehe du den Eingang erreicht hättest. Du, ein junger Mann, bist unter alten Frauen, und es gibt nichts Gefährlicheres auf der Welt!«
»Aber schaut ihn euch an!«, rief eine andere Frau. »Er fürchtet sich nicht!«
»Das Feuer seiner Seele ist nichts als Asche«, bemerkte eine dritte schnüffelnd.
»Doch selbst wenn das so ist«, erwiderte die erste Frau, »mit dem, was er jetzt begehrt, würde er einem gefrorenen Wald eine Feuersbrunst versprechen. Togctha und Farand, die Liebenden, die seit einer Ewigkeit füreinander verloren sind, die Herzen des Winters, die in den tiefen Wäldern von Laederon und jenseits davon heulen – wir alle haben diese kummervollen Schreie in unseren Träumen gehört. Oder etwa nicht? Sie kommen näher – aber nicht aus dem Norden, oh, oh, nicht aus dem Norden. Und nun ist hier dieser Mann.« Sie beugte sich vor; ihr runzliges Gesicht war hinter den Rauchschwaden der Feuerstelle nur undeutlich zu erkennen. »Dieser Mann …«
Die letzten Worte waren ein Seufzen.
Itkovian holte tief Luft, deutete dann auf die Rekrutin. »Das Todbringende Schwert – «
»Nein«, knurrte die alte Frau.
Der Schild-Amboss zögerte. »Aber – «
»Nein«, wiederholte sie. »Es ist gefunden worden. Es existiert. Es ist bereits geschehen. Sieh dir ihre Hände an, Wolf. In ihnen ist zuviel Fürsorge. Sie wird der Destriant sein.«
»Bist du … bist du dir sicher?«
Die alte Frau deutete mit dem Kopf auf Hauptmann Norul. »Und diese hier«, fuhr sie fort, ohne auf Itkovians Frage einzugehen, »sie wird sein, was du warst. Sie wird die Bürde auf sich nehmen – du, Wolf, hast ihr alles gezeigt, was sie wissen muss. Diese Erkenntnis ist bereits in ihren Augen, und in der Liebe, die sie dir entgegenbringt. Sie wäre die Antwort, in gleicher Münze, in Blut. Sie soll der Schild-Amboss sein.«
Die anderen alten Frauen nickten zustimmend; ihre Augen glitzerten im Zwielicht über scharfen Hakennasen – Itkovian schien es, als stünde er einer Krähenschar gegenüber.
Er drehte sich langsam zu Hauptmann Norul um. Die Veteranin schien betroffen.
Sie sah ihn an. »Herr, was – «
»Für die Grauen Schwerter«, sagte Itkovian und mühte sich, die Woge aus Qual und Schmerz zu unterdrücken, die in ihm aufwallte. »Es muss getan werden«, fuhr er rau fort. »Togg, der Lord des Winters, ein lang vergessener Gott des Krieges; die Barghast erinnern sich an ihn – sie nennen ihn Togctha, den Wolfsgeist. Und an seine verlorene Gefährtin, die Wölfin Fanderay Farand in der Sprache der Barghast. In unserer Kompanie sind jetzt mehr Frauen als Männer. Ein Traum muss verkündet werden, auf Knien vor dem Wolfsgott und der Wolfsgöttin. Ihr seid der Schild-Amboss, Norul. Und Ihr, Velbara«, sagte er zu der Rekrutin, die ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, »seid der Destriant. Die Grauen Schwerter sind neu erschaffen. Die Zustimmung erfolgt hier und jetzt, von diesen weisen Frauen.«
Hauptmann Norul trat mit klirrender Rüstung einen Schritt zurück. »Herr, Ihr seid der Schild-Amboss der Grauen Schwerter – «
»Nein. Ich bin Feners Schild-Amboss, und Fener … ist fort.«
»Die Kompanie ist so gut wie vernichtet, Herr«, wandte die Veteranin ein. »Es ist unwahrscheinlich, dass wir uns wieder erholen. Die Qualität – «
»Ihr werdet Fanatiker benötigen, Hauptmann. Diese Art von Verstand, von Erziehung und Kultur ist lebenswichtig. Ihr müsst suchen, Hauptmann, denn Ihr müsst solche Menschen finden. Menschen, denen nichts geblieben ist, deren Glaube zerstört wurde. Menschen, die zu … Verlorenen geworden sind.«
Norul schüttelte den Kopf, doch er konnte wachsendes Begreifen in ihren grauen Augen erkennen.
»Hauptmann«, fuhr Itkovian unerbittlich fort, »die Grauen Schwerter werden mit den beiden fremden Armeen marschieren. Nach Süden, um der Pannionischen Domäne ein Ende zu bereiten. Und zu einem günstigen Zeitpunkt werdet Ihr Rekruten finden. Ihr werdet die Menschen, die Ihr sucht, unter den Tenescowri finden.«
Fürchtet Euch nicht, ich lasse Euch jetzt noch nicht im Stich, meine Freundin. Ihr habt noch so viel zu lernen.
Und, wie es scheint, habe ich immer noch nicht ausgedient.
Er sah die Freudlosigkeit über sie kommen, sah es, und kämpfte gegen das Entsetzen über das, was er getan
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