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Tod auf der Northumberland: Roman - Ein Fall für John Gowers (German Edition)

Tod auf der Northumberland: Roman - Ein Fall für John Gowers (German Edition)

Titel: Tod auf der Northumberland: Roman - Ein Fall für John Gowers (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daniel Twardowski
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Menschen mit ihren unterschiedlichen Anliegen in die vier Winde der Stadt zerstreut, nur hier und da lag noch eine zertrampelte Bittschrift auf dem Pflaster. Das war Janes erster Eindruck von der hohen Politik.
    Unsicher, ratlos darüber, was zu tun sei, was sie tun könnte, ging sie zum Eingang des Gebäudes, bis ein backenbärtiger Polizist, den sie bis dahin gar nicht gesehen hatte, sich ihr in den Weg stellte.
    »Kein Durchgang, Madame!«
    »Ich muss mit jemandem sprechen.«
    »Aber nicht mehr heute, Madame, keiner mehr drin. Sie haben ja gesehn, wie’s geht!«
    Erst später wurde ihr klar, dass der Mann das Geschehen auf dem Platz und auch sie selbst sehr genau beobachtet haben musste. Wie sonst wäre sie ihm überhaupt aufgefallen? Sie ging ein paar Schritte zurück, dann überwältigte sie die Verzweiflung, und sie drehte sich wieder zu dem Polizisten um.
    »Bitte, können Sie mir sagen, an wen ich mich wenden muss?«
    »Frauenfrage?«, schnurrte der Backenbärtige launig herunter. »Bildung? Etwas Kirchliches? Oder etwas Soziales?«
    »Ich denke, etwas Soziales«, stammelte Jane.
    Etwas an ihrer Hilflosigkeit schien ihn zu rühren oder zu belustigen. »Überspringen Sie die hier alle«, raunte er ihr jedenfalls zu. »Wenden Sie sich direkt an Lord Ashley. Etwas Soziales? Sofort zu Ashley!«
    »Wie sieht er denn aus?«, fragte sie, naiver, als sie war, und
fügte rot werdend sofort hinzu, was sie eigentlich fragen wollte: »Wer ist Lord Ashley? Und wo finde ich ihn?«
    Der Polizist war jetzt nur noch eine Mischung aus Mitleid und milder Verachtung. »Seine Lordschaft pflegt morgens gegen neun Uhr hier einzutreffen. Je früher Sie kommen, desto größer sind Ihre Chancen. Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, liebes Kind: Lesen Sie vorher mal ein paar Zeitungen!«
    Er drehte sich abrupt um, und Jane schluckte ein wenig, als sie dem prächtigen Bau den Rücken zudrehte und den fast drei Meilen langen Weg zurück in ihr kleines Quartier antrat. Am liebsten wäre sie gleich wieder heimgefahren. Aber sie dachte an Ben, an Beth, Mary-Ann, Mutter Irvine. Sie dachte an John. Also kaufte sie unterwegs einige Zeitungen, ein paar Bögen Papier und Feder und Tinte.

82.
    Anthony Ashley Cooper, einundvierzig Jahre alt, Vater von fünf Kindern, Sohn und Nachkomme von sechs Earls of Shaftesbury  – darunter der erste, Staatsmann unter Cromwell und Charles II. gleichermaßen, oder der dritte, Dichter und Philosoph, der ein literarisches Vermächtnis von einigen Dutzend Bänden hinterließ, das für seine unglücklichen Nachkommen zur Pflichtlektüre wurde – Anthony Ashley Cooper war wieder einmal miserabler Laune.
    Einen Gentleman, der sich mit jedermann streitet, weil er mit sich selbst uneins ist, hatte ihn die Morning Post genannt; und das roch nach Peel, der ganze Artikel roch nach einer offiziellen Quelle. Seit er sich im Herbst geweigert hatte, Peels Kabinett beizutreten, ging das jetzt so, nannte ihn der Premierminister
nur noch »das ehrenwerte Mitglied aus Dorset«, und er hatte noch keinen Weg gefunden, sich dagegen zu wehren.
    Die Bittsteller verscheuchte er unwillig, seine Sekretäre drängten sie ab, Jungen aus bester Familie, frisch aus Harrow, gutes Material. Eine junge Frau fiel ihm wegen ihrer Nase auf, war vielleicht auch schon gestern, vorgestern mit dabei gewesen, rief seinen Namen, schwenkte ihre Bittschrift. Wer weiß, vielleicht würde er sie nächste Woche annehmen. Jetzt hatte er andere Sorgen. Solange Peels Kabinett nicht über sein neues Fabrikgesetz diskutieren wollte, würde er diesem Kabinett eben nicht angehören – aber solange er ihm nicht angehörte, würde es eben nicht darüber diskutieren, ob einem frei geborenen Engländer das Recht, vierzehn oder sechzehn Stunden am Tag zu arbeiten, gesetzlich genommen werden darf, und es würde für die Arbeiter niemals den Zehn-Stunden-Tag geben, den Anthony Ashley Cooper ihnen verschaffen wollte. Es war ein verdammter Teufelskreis!
     
    Jane hatte sich schon am zweiten Tag überlegt, dass es andere Wege geben müsste. Sie wusste jetzt, wer Lord Ashley war: ein glühender anglikanischer Christ, Menschenfreund, Vorkämpfer der Sechzig-Stunden-Woche, der durchgesetzt hatte, dass Kinder unter neun Jahren nicht mehr in den Mühlen arbeiten mussten. Er war der Mann, der sie verstehen würde – wenn sie ihn nur sprechen könnte!
    Aber die endlosen Wege, das Pflaster der Stadt ruinierten ihre Füße, ihr bestes Kleid; auch das Geld würde

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