Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
Genau wie im Westen gab es wenig bis gar nichts, was große Menschen oder närrische Stümper, was Kultur oder schieres Glück noch hätten ausrichten können, um eine industrielle Initialzündung zu verhindern, als sich die Möglichkeit dazu bot. Doch bestimmten diese Kräfte – wieder in Parallele zum Westen – ganz und gar darüber, welches Land dabei die Führung übernahm.
Als William S. Gilbert und Arthur Sullivan 1885 ihre Operette
Der Mikado
in London uraufführten, präsentierten sie Japan als Urbild des exotischen Orients, als ein Land, in dem die Vöglein aus Liebe starben und sich der Scharfrichter erst selbst einen Kopf kürzer machte, bevor er andere hinrichtete. Tatsächlich jedoch war Japan damals bereits dabei, sich weit schneller zu industrialisieren als irgendeine andere Gesellschaft in der Geschichte. Mit der geschickten Inthronisierung des jungen Kaisers, des Meiji-Tennos, 1868 nach dem Bürgerkrieg gelang es klugen Strippenziehern in Tokio, ihr Land aus Kriegen mit den westlichen Mächten herauszuhalten, die Industrialisierung weitgehend aus heimischem Kapital zu finanzieren und wütende Menschen von provozierenden Angriffen auf Ausländer abzuhalten. Unbeholfene Strippenzieher in Beijing dagegen duldeten und ermutigten sogar Gewalt gegen Missionare, stolperten 1884 in einen Krieg mit Frankreich (wobei sie einen Großteil ihrer teuren neuen Flotte binnen einer Stunde verloren) und liehen sich – und veruntreuten – ruinös hohe Summen.
Japans Elite sah der Tatsache ins Auge, dass die Liberalisierung nur im Paket zu haben war. Die Herren setzten sich Zylinder auf, die Damen stülpten sich Reifröcke |505| über; einige diskutieren, ob man nicht die lateinische Schrift übernehmen solle; andere wollten Japan zu einem englischsprachigen Land machen. Die japanische Elite war bereit, alles in Erwägung zu ziehen, was funktionieren könnte. Chinas Qing-Herrscher waren im Gegensatz dazu die personifizierte Zwietracht. 40 Jahre lang hatte die Kaiserinwitwe Cixi hinter dem Bambusvorhang regiert und sich gegen jede Modernisierung gesträubt, die ihre Dynastie gefährdet hätte. Ihr einziger Flirt mit westlichen Ideen bestand darin, Geld, das für den Wiederaufbau der Flotte bestimmt war, für die Marmorkopie eines Mississippi-Dampfers für ihren Sommerpalast abzuzweigen (das Werk steht bis heute dort und lohnt einen Besuch). Als ihr Neffe Guangxu 1898 versuchte, in 100 Tagen ein Reformprogramm durchzupauken (Verschlankung des öffentlichen Dienstes, Aktualisierung der Prüfungsaufgaben, Schaffung eines modernen Schulsystems, Koordinierung der Tee- und Seidenproduktion für den Export, Förderung von Bergbau und Eisenbahn sowie eine Heeres- und Marinereform nach westlichem Vorbild), gab Cixi bekannt, dass Guangxu sie gebeten habe, wieder die Regentschaft zu übernehmen, sperrte ihn im Palast ein und ließ seine modernisierungsfreudigen Minister hinrichten. Guangxu blieb ein Reformer bis zu seinem bitteren Ende – er wurde mit Arsen vergiftet, als Cixi 1908 selbst im Sterben lag.
Während China auf die Modernisierung zustolperte, legte Japan einen Sprint hin. 1889 erließ das Land eine Verfassung, die wohlhabenden Männern das Wahlrecht verlieh, politische Parteien nach westlichem Vorbild erlaubte und moderne Regierungsministerien schuf. China nahm erst in den letzten Tagen Cixis eine Verfassung an und gewährte 1909 Männern ein eingeschränktes Wahlrecht. Japan räumte der Bildung der Massen Priorität ein. Bis 1890 erhielten zwei Drittel der japanischen Jungen und ein Drittel der japanischen Mädchen eine kostenlose Grundschulbildung. China dagegen unternahm praktisch nichts zur Förderung der Volksbildung. Beide Länder verlegten 1876 ihre ersten Eisenbahntrassen, doch Shanghais Gouverneur ließ 1877 die Geleise wieder herausreißen, aus Angst, Rebellen könnten sie benutzen. 1896 verfügte Japan über 2300 Kilometer Schienenwege, China hingegen nur über 370. Ganz ähnliche Feststellungen ließen sich über Eisen, Kohle, Dampfkraft oder Telegrafenlinien treffen.
Im Verlauf der gesamten Geschichte löste die Ausweitung von Kerngebieten häufig grausame Kriege an den Peripherien aus, in denen sich entschied, welcher Teil des Randes den Widerstand gegen (oder die Assimilation an) die Großmächte anführen würde. Im 1. Jahrtausend v. u. Z. zum Beispiel bekriegten sich an den Rändern des Perserreiches Athen, Sparta und Makedonien eineinhalb Jahrhunderte lang; und Chu, Wu und Yue taten dasselbe
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