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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Romanows nur, weil sie aus ihrer Heimat flohen. In der Türkei schleppten sich die Osmanen weiter dahin, doch nur bis 1922.
    Trotz aller Verwüstungen stärkte der Erste Weltkrieg die westliche Vorherrschaft, indem er die archaischen dynastischen Reiche Europas hinwegfegte und China schwächer denn je zurückließ. Als große Gewinner traten zunächst Frankreich und Großbritannien auf, die sich die deutschen Kolonien einverleibten und ihre Seereiche noch weiter nach Afrika, in den Pazifik und zu den Ölfeldern des alten Osmanischen Reiches vortrieben. Um 1919 wurde ein Drittel der Landmasse des Planeten und nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung entweder von London oder von Paris aus regiert.
    Doch die ausgedehnten Schraffurflächen, die diese Reiche in älteren Atlanten zu meiner Schulzeit noch markierten, waren irreführend. Der Krieg stärkte nicht nur die westliche Macht, er verteilte sie auch um. Europa hatte über seine Verhältnisse gekämpft, und die Quittung dafür sprengte selbst die britische Kreditlinie. Die Inflation erreichte 1920 im Vereinten Königreich 22 Prozent, im folgenden Jahr überstieg die Arbeitslosigkeit elf Prozent. 68 Millionen Arbeitstage gingen durch Streiks verloren. Die Sonne ging noch immer nicht unter im Britischen Empire, doch sie hatte ihre liebe Not, während der Geschäftszeiten zu strahlen.
    Zur Zahlung seiner Schulden musste Großbritannien bluten. Das Kapital floss zumeist über den Atlantik. Der Krieg war die Hölle gewesen, aber die Vereinigten Staaten hatten einen höllisch erfolgreichen Krieg gehabt und sich nicht nur zur Werkbank, sondern auch zum Bankhaus der Welt gemausert. Im 15. Jahrhundert hatte sich das westliche Kerngebiet vom Mittelmeer nach Westeuropa verlagert und sich im 17. Jahrhundert nochmals weiter zu den Seemächten im Nordwesten des Kontinents verschoben. Nun, im 20. Jahrhundert, bewegte es sich abermals, als die bankrotten Seemächte des europäischen Nordwestens gegenüber dem nordamerikanischen Imperium ins Hintertreffen gerieten.
    Die USA hatten sich in eine neue Art von Organisation verwandelt, die man Subkontinentalreich nennen könnte. Anders als traditionelle dynastische Reiche hatte es keine alte Aristokratie, die über unterdrückte Bauern herrschte; anders als die europäischen Seereiche war es kein kleines, liberales, industrialisiertes Land, dessen Herrschaftsgebiet die Welt umspannte. Stattdessen hatten Euro-Amerikaner, nachdem sie die indigene Bevölkerung nahezu ausgerottet, einen brutalen Bürgerkrieg ausgefochten und Millionen ehemaliger Sklaven praktisch in die Leibeigenschaft zurückgestoßen hatten, demokratische Bürgerrechte von |511| einem Ozean zum anderen verbreitet, mit wohlhabenden Farmern, die ein riesiges industrielles Kernland im Nordosten und nördlichen Mittleren Westen versorgten und von dort wiederum ihre Waren bezogen. Bis 1914 konnte sich dieses subkontinentale amerikanische Reich bereits mit den europäischen Seereichen messen, und nach 1918 waren seine Geschäftsleute weltweit unterwegs.
    Mit welch einem gewaltigen Schmatzgeräusch die Vereinigten Staaten den europäischen Reichtum verputzten, erstaunte die Zeitgenossen. »Das Finanzzentrum der Welt, das Tausende von Jahren brauchte, um von den Ufern des Euphrat an Themse und Seine zu wandern«, bemerkte der amerikanische Außenminister John Hay schon vor dem Ersten Weltkrieg, »scheint zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung zum Hudson überzusiedeln.« 42 Bis 1929 hielten die Amerikaner über 15 Milliarden Dollar Auslandsinvestitionen, beinahe so viel wie die Briten 1913, und verfügten über einen 50 Prozent größeren Anteil am Welthandel.
    Das goldene Zeitalter des Kapitalismus schien unter amerikanischer Führung eine Wiedergeburt zu erleben, doch da gab es einen entscheidenden Unterschied. Vor 1914 war nach Meinung von John Maynard Keynes »der Einfluss Londons auf die Kreditbedingungen der ganzen Welt so überragend, dass die Bank von England beinahe Anspruch darauf erheben konnte, der Dirigent des internationalen Orchesters zu sein«. 43 Doch nach 1918 waren die USA unwillig, diese Aufgabe zu übernehmen. Die amerikanischen Politiker nahmen nach 1918 vor den ansteckenden Rivalitäten und Kriegen Europas Reißaus, ließen das Dirigentenpult verwaist zurück und zogen sich in eine politische Isolation zurück, die dem chinesischen oder japanischen Reich des 18. Jahrhunderts alle Ehre gemacht hätte. Zu guten Zeiten improvisierte das Orchester und wurstelte

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