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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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in Südchina, als das Kerngebiet im Tal des Gelben Flusses wuchs. Im 19. Jahrhundert u. Z. wiederholte sich der Prozess, als der Osten zu einer Peripherie des Westens wurde.
    Seit Japans gescheitertem Eroberungsversuch Chinas in den 1590er Jahren waren die Herrscher im östlichen Kerngebiet davon ausgegangen, dass die Kosten von Kriegen zwischen großen Reichen den Nutzen überwogen, doch die Ankunft |506| des Westens stellte nun diese Annahme auf den Kopf. Welche östliche Nation sich als Erstes industrialisierte, sich am schnellsten reorganisierte und neu bewaffnete, würde in der Lage sein, nicht nur die westlichen Imperialisten auf Distanz, sondern auch den Rest des Ostens niederzuhalten.
    Es war letzten Endes die japanische Industrialisierung, nicht die britische Kriegsflotte, die zu Chinas Nemesis wurde. Japan mangelte es an Ressourcen, China hatte reichlich davon. Japan brauchte Märkte, China bot sie zur Genüge. Der Streit in Tokio, welcher Kurs eingeschlagen werden sollte, war grimmig und sogar mörderisch, aber im Laufe zweier Generationen reifte im Land langsam die Vorstellung, dass es von Vorteil sei, sich gewaltsam der Rohstoffe und Märkte Chinas zu bemächtigen. Bis zu den 1930er Jahren hatte sich im japanischen Offizierskorps der unbedingte Impetus durchgesetzt, das gesamte östliche Kerngebiet zu übernehmen, China und Südostasien in Kolonien zu verwandeln und die westlichen Imperialisten hinauszuwerfen. Ein Krieg des Ostens hatte begonnen.
    Der große Unterschied zwischen dem Krieg des Ostens und dem im 18. Jahrhundert ausgetragenen Krieg des Westens war jedoch, dass sich Ersterer in einer Welt zutrug, die bereits unter westliche Vorherrschaft gefallen war. Das machte alles komplizierter. Als Japan 1895 den chinesischen Widerstand bei seinem Einmarsch in Korea brach, reagierte Deutschlands Kaiser Wilhelm II., indem er seinem Cousin Zar Nikolaus II. von Russland eine ziemlich grauenvolle Lithographie mit dem Titel »Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter!« zukommen ließ (Abbildung 10.7) und ihn drängte, »seine Aufmerksamkeit dem asiatischen Kontinent zuzuwenden und Europa gegen die Eingriffe der großen gelben Rasse zu verteidigen«. 39 Nikolaus antwortete, indem er Japan einen Großteil des Territoriums wieder abjagte, das das Inselreich China entrissen hatte.
    Andere Westler sahen jedoch Vorteile in einer Zusammenarbeit mit Japan und bedienten sich seiner wachsenden Macht, um den übrigen Osten im Zaum zu halten. Die erste Gelegenheit dazu bot sich im Jahr 1900, als sich eine chinesische Geheimgesellschaft mit dem schönen Namen »In Rechtschaffenheit vereinigte Faustkämpfer« (im Westen: Boxer) gegen den westlichen Imperialismus erhob (wobei sie unter anderem behauptete, dass 100 Tage Kampfkunsttraining ihre Mitglieder gegen Kugeln imprägnieren würden). Es waren 20   000 ausländische Soldaten nötig, um sie niederzuringen, und ein Großteil dieser Truppen bestand – auch wenn man es aus westlichen Darstellungen nicht erfährt (am wenigsten aus dem Hollywood-Kassenschlager
55 Tage in Peking
von 1963) – aus Japanern. So zufrieden war Großbritannien mit dem Ausgang dieser Intervention, dass es 1902 eine Flottenallianz mit Japan schloss und damit dessen Großmachtstatus im Osten anerkannte. Der britischen Neutralität gewiss, nahm Japan 1904 an Russland Rache, versenkte dessen Fernostflotte und überwältigte in der größten bis dato jemals ausgetragenen Landschlacht die russische Armee. Als Zar Nikolaus seine Hauptflotte 20   000 Seemeilen um die Welt schickte, um die Dinge zu richten, versenkten die japanischen Schlachtschiffe auch diese.

    [Bild vergrößern]
    Abbildung 10.7: Die »gelbe Gefahr«
    Diese Lithographie von 1895 nach Skizzen Wilhelms II. sollte, wie der Kaiser erläuterte, die Europäer ermutigen, sich im Widerstand »gegen das Eingreifen des Buddhismus, des Heidentums und der Barbarei zur Verteidigung des Kreuzes [zu] vereinigen«. 40
    Weniger als 50 Jahre waren vergangen, seit man Looty nach London verfrachtet hatte, doch das alte östliche Kerngebiet hatte so dynamisch reagiert, dass es bereits ein westliches Reich besiegen konnte. »Was 1904/05 in der Mandschurei geschehen ist, war nicht mehr als ein Geplänkel mit der Vorhut«, folgerte der blamierte russische Kommandeur Alexei Nikolajewitsch Kuropatkin. »Nur wenn wir gemeinsam anerkennen, dass es für ganz Europa wichtig ist, Asien ruhig zu halten …, können wir die ›gelbe Gefahr‹ in Schach

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