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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Religion, ihre Sprache oder ihre Sitten zu kennen, nur mit seinem gemünzten Reichtum in der Tasche, und sich bei dem geringsten Hindernis schwer beleidigt und höchlich überrascht dünken. 33
     
    Dem Romancier Joseph Conrad stellte sich das ganz anders dar, nachdem er 1890 ein Jahr im Kongobecken verbracht hatte. »Die Eroberung der Erde, und das bedeutet meistens, sie denen wegzunehmen, die eine andere Hautfarbe haben oder etwas plattere Nasen als wir, ist bei genauerem Hinsehen nicht gerade ein Kinderspiel«, 34 bemerkte er in seinem antikolonialistischen Klassiker
Herz der Finsternis
.
    Der Kongo war ein Extremfall. König Leopold II. von Belgien nahm ihn als persönliches Eigentum in Besitz und wurde zum Milliardär, indem er über fünf Millionen Kongolesen foltern, verstümmeln und ermorden ließ, um die übrige Bevölkerung zu zwingen, ihm Kautschuk und Elfenbein zu liefern. Er war jedoch kaum ein Einzelfall. In Nordamerika und Australien rotteten die weißen Siedler die Eingeborenen fast aus, und einige Historiker machen den europäischen Imperialismus dafür verantwortlich, dass die schwachen Monsunregenfälle der Jahre 1876–1879 und 1896–1902 Katastrophen heraufbeschworen. Trotz ausbleibender Ernten exportierten die Landeigentümer weiter Nahrungsmittel auf die westlichen Märkte, und von China bis Indien, von Äthiopien bis Brasilien |502| verwandelte sich Hunger in Hungersnot. Ruhr, Pocken, Cholera und selbst der Schwarze Tod folgten ihnen auf dem Fuße und rissen womöglich an die 50 Millionen geschwächte Menschen in den Tod. Einige Westler sammelten Geld für die Hungernden; andere taten so, als wäre nichts geschehen; und manche, wie das Magazin
The Economist
, mokierten sich, Hilfe lehre die Hungernden nur, »es sei die Pflicht der Regierung, sie am Leben zu erhalten« 35 . Kein Wunder, dass der letzte Seufzer des sterbenden Mr. Kurtz, jenes Unmenschen, der in Conrads Roman im Dschungel ein privates Königreich errichtet, zur Grabinschrift des europäischen Imperialismus geworden ist: »Das Grauen! Das Grauen!« 36 1*
    Der Osten wendete das Schlimmste ab, doch Niederlagen, Demütigungen und Ausbeutung durch den Westen blieben ihm nicht erspart. China und Japan zerfielen, als zusammengewürfelte Haufen von Patrioten, Dissidenten und Kriminellen, die ihren Regierungen für alles die Schuld gaben, zu den Waffen griffen. Religiöse Fanatiker und Milizen ermordeten Westler, wenn sie sich außerhalb ihrer befestigten Stützpunkte verirrten, und Beamte, die diesen Eindringlingen begütigend zu Willen waren. Westliche Marineschiffe bombardierten zur Vergeltung Hafenstädte, rivalisierende Parteiungen spielten die westlichen Eindringlinge gegeneinander aus. Europäische Waffen überfluteten Japan, wo eine von den Briten unterstützte Fraktion 1868 die legitime Regierung stürzte. In China kostete der Bürgerkrieg 20 Millionen Menschenleben, bevor westliche Finanziers beschlossen, dass ein Regimewechsel die Gewinne schmälern würde, woraufhin eine »stets siegreiche Armee« mit amerikanischen und britischen Offizieren und Kanonenbooten half, die Qing zu retten.
    Westler diktierten östlichen Regierungen, was sie zu tun hatten, rissen ihre Reichtümer an sich und umgaben sie mit ihren eigenen Beratern. Wenig überraschend sorgten diese dafür, dass die Zölle auf westliche Importe und auf Güter, an deren Kauf der Westen interessiert war, niedrig blieben. Manchmal überkam selbst Westler dabei ein ungutes Gefühl. »Ich habe Dinge gesehen, die mich zur Weißglut getrieben haben, so wie die europäischen Mächte die asiatischen Nationen zu erniedrigen versuchen«, gestand der ehemalige US-Präsident Ulysses S. Grant dem japanischen Kaiser 1879. 37
    Die meisten Westler befanden indessen, dass alles genau so war, wie es sein sollte, und vor diesem Hintergrund des östlichen Zusammenbruchs verfestigte sich ein Denken, das in der westlichen Vorherrschaft eine von jeher angelegte Zwangsläufigkeit erkannte. Der Osten mit seinen korrupten Kaisern, auf dem Bauch rutschenden Konfuzianern und Abermillionen halbverhungerter Kulis schien immer schon zur Unterwerfung unter den dynamischen Westen bestimmt. Aus westlicher Perspektive sah es so aus, als würde nun die Welt ihre letzte, vorherbestimmte Form erreichen.
    |503| Der Krieg des Ostens
    In ihrer Anmaßung und Selbstbeweihräucherung übersahen die Herolde unverbrüchlicher westlicher Vorherrschaft im 19. Jahrhundert etwas ganz Wichtiges: die Logik ihres

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