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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Sprache (zumindest in den Vereinigen Staaten) sogar um eine neue Redewendung: »to stanfordize a department«.
    Freud und Leid der Stanfordisierung – je nachdem, mit wem man sprach – lieferten den Anthropologen einige Jahre lang Gesprächsstoff, wenn sie sich nach wissenschaftlichen Tagungen an der Bar trafen. Doch ist Stanfordisierung keine wirkliche Lösung im Hinblick auf eine der größten intellektuellen Herausforderungen, die die Sozialwissenschaften zu bieten haben. 1* Wenn wir uns der Frage widmen wollen, warum der Westen die Welt regiert, müssen wir uns den Argumenten beider Parteien stellen.
    Die Kritiker des Evolutionskonzepts hatten sicher darin Recht, dass sich die Law-and-Order-Fraktion gewaltig überschätzt hatte. Wie schon bei Herbert Spencer in seinem Versuch, alles mit allem zu erklären, kam auch bei ihnen heraus, dass sie letztlich kaum etwas richtig erklären konnten. Selbst unter den Neoevolutionisten herrschte jede Menge Verwirrung darüber, was die tatsächlich maßen und bewerteten. Und wenn sie sich dann doch einmal darauf verständigten, was genau sich in Gesellschaften entwickelte (und das gelang ihnen vor allem dann, wenn sie an Spencers Lieblingsbegriff der Differenzierung festhielten), war dennoch nicht so recht klar, was ihr Ranking von Gesellschaften aus aller Welt in einer Art Ligatabelle tatsächlich leistete.
    Zählkarten, monierten die Kritiker, verbergen mehr, als sie aufdecken, denn sie lassen die Besonderheiten einzelner Kulturen verschwinden. Dieses Argument bestätigte sich mir, als ich in den 1990er Jahren die Ursprünge der Demokratie untersucht habe. Die antiken griechischen Stadtstaaten, die diese Regierungsform erfunden hatten, waren etwas ganz Eigenes. Viele ihrer Bewohner waren ernsthaft überzeugt, dass man am besten zur Wahrheit fände, wenn man alle Männer auf einem bestimmten Platz zusammenriefe, sie diskutieren und dann abstimmen ließe – besser jedenfalls, als die Priester aufzufordern, die Götter zu befragen. |148| Wenn man den alten Griechen nun einen Punkt für Differenzierung gibt, hat man noch lange nicht erklärt, woher ihnen die Idee der Demokratie kam, und wenn man das Besondere der antiken Stadtstaaten in einem allgemeinen Index sozialer Entwicklung verschwinden lässt, guckt man unter Umständen haarscharf am Kern der Sache vorbei.
    Allerdings ist damit nicht gesagt, dass es reine Zeitverschwendung wäre, so einen Index gesellschaftlicher Entwicklung zu erstellen; er ist nur das falsche Instrument für die Frage nach der Demokratie und ihren Wurzeln. Wenn wir aber nach der Vorherrschaft des Westens fragen, ist das etwas ganz anderes. Damit nämlich stellen wir eine weitgespannte komparative Frage, die uns zwingt, einige 1000 Jahre Geschichte zu überblicken, Millionen Quadratkilometer große Territorien zu betrachten und Milliarden Menschen zusammenzubringen. Für diese Aufgabe ist ein Index gesellschaftlicher Entwicklung das genau richtige Werkzeug. Der Widerspruch zwischen Theorien langfristiger Determination und solchen kurzfristig-zufälliger Ereignisse betrifft die Gesamtgestalt gesellschaftlicher Entwicklung im Osten und im Westen über die rund zehn Jahrtausende hinweg, seit denen »Osten« und »Westen« sinnvolle Begriffe sind. Anstatt sich darauf zu konzentrieren und sich direkt mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen, neigen Langfrist- und Kurzfristtheoretiker dazu, unterschiedliche Abschnitte der Geschichte zu betrachten, sich auf unterschiedliches Beweismaterial zu stützen und auch ihre Begriffe auf unterschiedliche Art zu definieren. Wenn man sich der Führung der Law-and-order-Fraktion überlässt und das Meer der Fakten auf einfache numerische Werte reduziert, hat das seine Tücken, aber auch den einen großen Vorteil: In der Debatte um diese Werte sind alle Beteiligten gezwungen, sich auf dieselben Beweismittel einzulassen – mit erstaunlichen Resultaten.
    Was messen?
    Als Allererstes gilt es herauszufinden, was genau wir messen müssen. Dazu sollten wir vielleicht zunächst einmal Lord Robert Jocelyn zuhören, einem Teilnehmer des Opiumkriegs, mit dem der Westen allen sichtbar seine Überlegenheit demonstriert hat.
    An einem drückend heißen Sonntagnachmittag im Juli 1840 beobachtete Jocelyn die englischen Schiffe, die sich Tinghai näherten, wo eine Festung ihre Weiterfahrt in die Jangtse-Mündung blockierte. »Die Schiffe schossen ihre Breitseiten auf die Stadt«, notierte er, »und das Krachen der Balken

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