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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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sie zu feiern oder zu kritisieren, etwas völlig anderes.
    Ich werde später in diesem Kapitel zeigen, dass uns das Messen gesellschaftlicher Entwicklung genau das liefert, was wir brauchen, um die Warum-der-Westen-regiert-Frage zu beantworten. Ich werde sogar noch etwas mehr behaupten: Wir werden diese Frage dann und nur dann beantworten können, wenn wir einen Weg finden, gesellschaftliche Entwicklung zu messen. Zunächst allerdings müssen wir einige Prinzipien aufstellen, an denen wir uns beim Herstellen eines Index orientieren können.
    Ich kann mir dazu nichts Besseres vorstellen, als mit Albert Einstein zu beginnen, dem anerkanntesten Wissenschaftler unserer Epoche. »In der Wissenschaft«, soll er gesagt haben, »muss man die Dinge so einfach machen wie möglich, aber auch nicht einfacher.« 10 Das will sagen: Wissenschaftler sollten ihre Ideen eindampfen bis auf den wesentlichen Punkt, der sich an der Wirklichkeit überprüfen lässt, dann den einfachsten Weg herausfinden, einen solchen Test anzustellen, und diesen auch durchführen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Einsteins eigene Relativitätstheorie bietet dafür ein berühmtes Beispiel. Dieser Theorie nach werden auch Lichtstrahlen durch die Schwerkraft gebeugt. Also muss – wenn die Theorie zutrifft – die Schwerkraft der Sonne, jedesmal wenn sie zwischen der Erde und einem anderen Stern hindurchgeht, das Licht dieses Sterns beugen und es so aussehen lassen, als habe der Stern seine Position um ein Weniges verändert. Das ließe sich auf einfache Weise überprüfen – wenn denn die Sonne nicht so hell wäre, dass man Sterne in ihrer Nähe nicht sehen kann.
    Doch 1919 fand der englische Astronom Arthur Eddington eine pfiffige Lösung, ganz im Geist des Einsteinschen Aphorismus: Man müsse, so überlegte er, die Sterne einfach während einer Sonnenfinsternis beobachten, dann ließe sich feststellen, ob sie um das von Einstein vorhergesagte Maß verschoben erscheinen. Er machte sich bei passender Gelegenheit auf in den Südpazifik, stellte seine Beobachtungen an und bestätigte Einsteins Vorhersage. Eine scharfe Kontroverse entbrannte, denn die Differenz zwischen dem Ergebnis, das Einstein bestätigte, und dem, das ihn widerlegt hätte, war winzig klein, und Eddington hatte die Instrumente, |151| die ihm 1919 zur Verfügung standen, bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit ausgereizt. Dennoch, trotz der Komplexität der Relativitätstheorie 1* , hatten sich die Astronomen darauf einigen können, was man messen müsse und wie das zu bewerkstelligen sei. Nun ging es nur noch darum, ob Eddington die Messung korrekt ausgeführt hatte.
    Wenn wir von der erhabenen Bewegung der Sterne wieder zum brutalen Bombardement von Tinghai zurückkommen, dann sehen wir sofort, dass die Dinge, sofern es um menschliche Gesellschaften geht, sehr viel unübersichtlicher sind. Was sollen wir messen, um der gesellschaftlichen Entwicklung einen Wert zuordnen zu können?
    Einen praktischen Leitfaden dazu bietet der Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, nicht zuletzt deshalb, weil dieser vieles gemeinsam hat mit der Art Index, der uns bei der Beantwortung unserer Frage helfen könnte. Geschaffen wurde dieser Index für das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP); man wollte wissen und messen, wie gut es jeder Nation gelingt, ihren Bürgern die Realisierung der ihnen angeborenen Potenziale zu ermöglichen. Die UNDP-Ökonomen fragten zunächst, was menschliche Entwicklung bedeutet, und dampften, was sie herausfanden, zu drei zentralen Merkmalen ein: die jeweils durchschnittliche Lebenserwartung, Bildung (dargestellt durch die Alphabetisierungsrate und die Zahl der Schulanmeldungen) und Einkommen. Dann entwickelten sie ein kompliziertes Gewichtungsverfahren, um die drei Merkmale in Relation zueinander zu setzen und so für jedes Land einen eigenen Wert zu ermitteln: zwischen Null, was keinerlei menschliche Entwicklung bedeuten würde (alle Bewohner wären tot) und Eins – der vollkommenen Entwicklung, selbstverständlich bezogen auf die im Jahr der Erhebung weltweit gegebenen, realen Möglichkeiten. (Falls Sie neugierig geworden sind: Im jüngsten Index, dem für das Jahr 2009, lag Norwegen mit 0,971 an der Spitze, Sierra Leone mit 0,340 am Ende.) 11
    Dieser Index wird Einsteins Regel voll und ganz gerecht, denn mit drei bewerteten Merkmalen haben die Vereinten Nationen die Dinge so einfach wie möglich gemacht, erfassen aber immer noch, was menschliche Entwicklung

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