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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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überhaupt darauf verfiel. Wenn Evolutionisten vorhatten, Fortschritt zu dokumentieren, warum taten sie das nicht direkt, anhand archäologischer Daten und physischer Relikte tatsächlich vorgeschichtlicher Gesellschaften, sondern indirekt, anhand anthropologisch-ethnographischer Beobachtungen in zeitgenössischen Gruppen und Gemeinschaften, allein gestützt auf die spekulative Annahme, jene seien Überlebende früherer Zivilisationsstufen? Die Antwort: Auch die Archäologen wussten vor einem Jahrhundert noch nicht sonderlich viel. Gerade erst hatten ernsthafte Grabungen begonnen, die Evolutionisten mussten also dürftige Informationen aus archäologischen Berichten mit nebensächlichen Details aus der antiken Literatur und zufälligen ethnographischen Schilderungen verbinden – was es Malinowski und ähnlich denkenden Anthropologen allzu leicht machte, die Rekonstruktionen der Evolutionisten als spekulativ, als bloße Hirngespinste abzutun.
    Archäologie ist eine junge Wissenschaft. Noch vor drei Jahrhunderten reichten unsere ältesten historischen Quellen – Chinas Fünf Klassiker, die indischen Veden, die hebräische Bibel und der griechische Dichter Homer – kaum bis ins Jahr 1000 v. u. Z. zurück. Davor lag alles im Dunkeln. Der einfache Akt, Dinge auszugraben, hat das ändern können, aber das brauchte seine Zeit. Als Napoleon mit seinen Truppen 1799 in Ägypten einmarschierte, hatte er eine Legion Gelehrter im Gefolge, die Dutzende alter Inschriften kopierten oder einfach mitnahmen. In den 1820er Jahren entschlüsselten französische Sprachwissenschaftler die Geheimnisse der Hieroglyphen und fügten der dokumentierten Geschichte mit einem Schlag 2000 weitere Jahre hinzu. Um nicht abgehängt zu werden, wühlten sich britische Entdecker in den 1840er Jahren in die Ruinenstädte des heutigen Irak oder transkribierten, in den Bergen des heutigen Iran an Seilen hängend, königliche Inschriften. Und bevor das Jahrzehnt zu Ende war, konnten die Gelehrten Altpersisch, Assyrisch und die Weisheit von Babylon entziffern.
    Als Spencer in den 1850er Jahren über den Fortschritt zu schreiben begann, war die Archäologie noch mehr Abenteuer als Wissenschaft, es gab tatsächlich eine Menge Indiana-Jones-Typen. In den 1870er Jahren übertrugen die ersten Archäologen das geologische Verfahren der Stratigraphie auf ihre Grabungen. (Sie folgten also der Einsicht des gesunden Menschenverstandes, dass die obersten Erdschichten zuletzt und nach den tieferen Schichten dorthin gekommen sein müssen und wir deshalb den Ablauf des Geschehens anhand der Abfolge von Ablagerungen rekonstruieren können.) Zum allgemein anerkannten Verfahren aber wurde das erst in den 1920er Jahren. Und um ihre Funde zu datieren, waren Archäologen noch immer darauf angewiesen, ihre Grabungsstätten mit Ereignissen in Verbindung zu bringen, die in der antiken Literatur erwähnt sind. Darum verschwammen Funde aus den meisten Weltteilen bis in die 1940er Jahre im Nebel von Mutmaßungen und Rätselraten. Das änderte sich erst, als Atomphysiker die Methode der Radiokarbondatierung entwickelten. Nun ließ sich der Zerfall instabiler Kohlenstoffisotope |144| in Knochen, Holzkohle und anderen organischen Relikten nutzen, um deren Alter zu bestimmen. Die Archäologen machten sich daran, Ordnung in die Vorgeschichte zu bringen, und in den 1970er Jahren nahm ein weltweit gespannter Datenrahmen für die Vor- und Frühgeschichte Gestalt an.
    Während meines Graduiertenstudiums in den 1980er Jahren erklärten einige der älteren Professoren, sie hätten während ihrer Studentenzeit von ihren Lehrern gehört, die einzig wichtigen Werkzeuge für die Feldarbeit seien ein Smoking und ein kleiner Revolver. Ich weiß bis heute nicht, ob ich ihnen hätte glauben sollen, doch was immer daran gewesen sein mag, in den 1950er Jahren ging die James-Bond-Ära der Archäologie definitiv zu Ende. Die wirklichen Durchbrüche ergaben sich zunehmend in der täglichen Plackerei einer Armee von Fachleuten, die, Fakten hervorwühlend, immer tiefer in die Vorgeschichte vorstießen und dafür über den gesamten Globus ausschwärmten.
    Museumsarchive quollen über von Artefakten, Buchregale ächzten unter der Last von Fachmonographien, doch einige Archäologen befürchteten, dass die eigentliche Frage – Was bedeutet das alles? – unbeantwortet bleiben würde. Die Situation der 1950er Jahre war ein Spiegelbild der 1850er: Suchte die große Theorie damals nach Daten, verlangten die Daten

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