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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Realität besser entspricht. Wenn das alles ist, warum hat sich bisher niemand daran gemacht?
    Vor allem darum, denke ich, weil der Neoevolutionismus in sich zusammenbrach. Schon bevor Naroll in den 1950er Jahren den Rechenschieber auspackte, erschien vielen Kulturanthropologen die Absicht als naiv, den Entwicklungsgrad |146| von Gesellschaften messen zu wollen. Die »law-and-order-crowd«, wie Naroll und seinesgleichen von ihren Kritikern genannt wurden, mit ihren auf Lochkarten kodierten Daten, geheimnisvollen Debatten über Statistik und ihren kaufhausgroßen Computern schienen völlig abgehoben von der Wirklichkeit der Archäologen, die sich in ihre Gräben vertieften, oder der der Kulturanthropologen, die im Feld Sammlern und Jägern mit ihren Fragebögen nachstellten. Und in den 1960ern – »The times they are a-changing«, sang damals Bob Dylan – galten die Neoevolutionisten nicht mehr als nur lächerlich, sondern geradezu als finster. Der Anthropologe Marshall Sahlins etwa, dessen Aufsatz zur ursprünglichen Wohlstandsgesellschaft ich bereits erwähnt habe, hatte seine Karriere in den 1950er Jahren zwar als Evolutionist begonnen, kam in den 1960ern jedoch zu der Ansicht, dass »Sympathie und sogar Bewunderung für den Kampf der Vietnamesen, verbunden mit moralischer und politischer Ablehnung des amerikanischen Krieges, einer Anthropologie des ökonomischen Determinismus und der evolutionären Entwicklung den Boden entziehen«. 5
    1967, als Sahlins in Paris war und erläuterte, warum Jäger und Sammler nicht wirklich arm gewesen seien, vertrat eine neue Generation von Kultur- und Sozialanthropologen – die ihre ersten Erfahrungen mit der amerikanischen Bürgerrechts-, der Antikriegs- und der Frauenbewegung gemacht hatten und die häufig in die Gegenkultur eingetaucht waren – viel radikalere Positionen. Die Evolutionisten, so argumentierten sie, täten nichts anderes, als nichtwestliche Gesellschaften danach zu bewerten, wie sehr sie den westlichen glichen. Wer solche Ranglisten aufstelle, könne gar nicht anders, als sich selbst stets die höchste Punktzahl zu geben.
    »Evolutionstheorien«, schrieben die Archäologen Michael Shanks und Christopher Tilley in den 1980er Jahren, »rutschen leicht in Ideologien der Selbstrechtfertigung ab oder behaupten den Vorrang des Westens in Bezug auf andere Kulturen. Deren Belang besteht dann nur noch darin, als Vorläufer unserer zeitgenössischen ›Zivilisation‹ herhalten zu müssen.« 6 Wie viele Kritiker erkannten, war das Vertrauen in Kennziffern keineswegs ein harmloses Spiel, dem eingefleischte Abendländler zu ihrem Privatvergnügen frönten. Nein, es war Teil jener Hybris, die uns Flächenbombardements, den Vietnamkrieg und den militärischindustriellen Komplex beschert hatten. Wenn auf den Straßen skandiert wurde: »Hey, hey, ho, ho, LBJ has got to go«, dann war damit nicht nur Lyndon B. Johnson gemeint, sondern in akademischen Kreisen zugleich auch die Professorenschaft des Ethnozentrismus samt ihrer Arroganz und ihren Rechenkünsten.
    Sit-ins und Beschimpfungen machten die akademische Debatte zum manichäischen Endkampf. Einige Evolutionisten betrachteten ihre Kritiker als moralisch verkommene Relativisten; die wiederum sahen in jenen Marionetten und Stichwortgeber des amerikanischen Imperialismus. Während der 1980er und 1990er Jahre fochten die Anthropologen diesen Streit in den Komitees aus, die über Stellen, Berufungen und Promotionen zu entscheiden hatten, ruinierten Karrieren |147| und spalteten die Gelehrtenwelt. Die Anthropology-Departments an Amerikas berühmtesten Universitäten steigerten sich in Zerrüttungszustände hinein, wie sie schlechten Ehen eigen sind, bis die Beteiligten, durch Jahre wechselseitiger Beschuldigungen zermürbt, sich endlich dazu durchrangen, ein eigenes Leben zu führen. »Wir beschimpfen einander nicht einmal mehr«, klagte ein prominenter Anthropologe 1984. 7 Im Extremfall fand die Scheidung der Anthropologen tatsächlich statt, in Stanford etwa, meiner eigenen Universität, im Jahr 1998. In aller Form wurde das Department of Anthropological Sciences, in dem man sich dem Evolutionskonzept verpflichtet fühlte, vom Department of Cultural and Social Anthropology getrennt, wo man es ablehnte. Jedes Institut betrieb das Hire and Fire sowie die Auswahl und Ausbildung der Studenten nach eigenem Gutdünken; die Mitglieder der einen Gruppe mussten von denen der anderen keine Notiz nehmen. So bereicherte man die englische

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