Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
Sie die Frage!), oder denken Sie etwa, wir werden ungestraft entfliehen können und dann zusammen in einer Hütte am Meeresstrande wohnen? Und dann fangen wir an zu girren und zu schnäbeln und von allerlei Gefühlen zu sprechen und verbringen so unser ganzes Leben in Zufriedenheit und Glück? Und dann stellt sich ein Kleines ein, und wir sagen: ›So und so, Sie unser Vater Staatsrat Olsufi Iwanowitsch, da hat sich ein Kleines eingestellt; nehmen Sie also bei diesem passenden Anlaß Ihren Fluch zurück, und segnen Sie uns junges Paar!‹? Nein, mein Fräulein, da vollziehen sich die Dinge wieder nicht in dieser Weise, und der erste Punkt ist der, daß es kein Girren und Schnäbeln mehr gibt; hoffen Sie darauf nicht! Heutzutage, mein Fräulein, ist der Mann der Herr, und eine gute, wohlgesittete Frau muß ihm in allen Stücken zu Gefallen leben. Zärtlichkeiten aber, mein Fräulein, sind heutzutage in unserm Zeitalter der Industrie nicht mehr beliebt; die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt z. B. der Mann hungrig vom Dienste nach Hause; da sagt er dann: ›Mein Herzchen, hast du nicht vor dem Mittagessen ein bißchen was zu essen, ein Schnäpschen zu trinken, ein Stückchen Hering zu essen?‹ Da müssen Sie dann ein Schnäpschen und ein Stückchen Hering gleich in Bereitschaft haben. Der Mann ißt das mit gutem Appetit; aber Sie sieht er gar nicht an, sondern er sagt: ›Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen!‹ und vielleicht gibt er Ihnen in der Woche nur ein einziges Mal einen Kuß, und auch das nur mit gleichgültigem Wesen ... So ist das jetzt bei uns, mein Fräulein! Und auch das nur mit gleichgültigem Wesen! ... So wird das sein, wenn man es recht überlegt, wenn es nun einmal dahin gekommen ist, daß man die Sache in dieser Weise zu betrachten anfängt ... Und was habe denn ich, ich damit zu schaffen? Warum haben Sie mich in Ihr launenhaftes Treiben hineingezogen, mein Fräulein? Sie schreiben: ›Edler, für mich leidender und meinem Herzen in jeder Hinsicht teurer Mann‹ usw. Ja, erstens, mein Fräulein, passe ich gar nicht für Sie; Sie wissen selbst, daß ich mich auf Komplimente nicht verstehe, es nicht liebe, den Damen allerlei parfümierten Unsinn vorzuschwatzen, das seladonhafte Wesen nicht ausstehen kann und auch, offen gestanden, kein schönes Äußeres besitze. Lügenhafte Prahlerei und Ziererei werden Sie bei mir nicht finden; das gestehe ich Ihnen jetzt mit aller Offenherzigkeit. So ist das; ich besitze nur einen geraden, offenen Charakter und einen gesunden Verstand; mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf; so ist das! ... Ich bewege mich unter guten Menschen ohne Maske, und um Ihnen alles zu sagen ...«
Auf einmal fuhr Herr Goljadkin zusammen. Der rötliche, völlig durchnäßte Bart seines Kutschers blickte wieder zu ihm hinter das Holz.
»Ich komme gleich, mein Freund; weißt du, mein Freund, sogleich; sofort komme ich, mein Freund!« antwortete Herr Goljadkin mit zitternder, gramvoller Stimme.
Der Kutscher kratzte sich im Nacken, strich sich dann den Bart glatt und trat einen Schritt vor. Hierauf blieb er stehen und blickte Herrn Goljadkin mißtrauisch an.
»Ich komme sofort, mein Freund; ich will nur ... siehst du, mein Freund ... ich will nur noch ein wenig ... siehst du, mein Freund, ich will nur noch eine Sekunde hier ... siehst du, mein Freund ...«
»Wollen Sie vielleicht überhaupt nicht mehr fahren?« sagte endlich der Kutscher, indem er entschlossen an Herrn Goljadkin herantrat.
»Doch, mein Freund; ich komme gleich. Siehst du, mein Freund, ich warte nur noch ...«
»Na, gut ...«
»Siehst du, mein Freund, ich ... Aus welchem Dorfe bist du denn, mein Lieber?«
»Wir sind Leibeigene ...«
»Hast du eine gute Herrschaft? ...«
»Es geht ...«
»Ja, mein Freund, bleib nur noch ein bißchen bei mir, mein Freund! Siehst du, mein Freund, bist du schon lange in Petersburg?«
»Ich fahre schon ein Jahr ...«
»Und geht es dir gut, mein Freund?«
»So ziemlich.«
»Ja, mein Freund, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Einen guten Menschen kannst du jetzt lange suchen, mein Freund. Heutzutage sind gute Menschen selten geworden, mein Lieber; ein guter Mensch hält dich sauber, mein Lieber, und gibt dir zu essen und zu trinken. Aber siehst du, manchmal fließen Tränen auch auf das Gold, mein Freund ... siehst du, hier hast du ein bedauernswertes Beispiel vor dir; so ist das, mein
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