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Begegnung in Tiflis

Begegnung in Tiflis

Titel: Begegnung in Tiflis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinz G. Konsalik
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Aufenthaltsgenehmigung.«
    »Das verstehe ich nicht«, sagte Wolter ehrlich.
    »Als Kommunist!«
    »Haben sie in Bonn Angst vor den Kommunisten?«
    Der Beamte schwieg. Darauf gab es keine Antwort. Natürlich, dachte er bloß. Der gute Mann ist zwanzig Jahre zurück. Was weiß er vom kalten Krieg des Jahres 1966, von der Mauer in Berlin, vom Schutz der Demokratie vor zersetzenden Elementen. Er hat hinter dem Kaukasus gelebt, wo es noch Bären gibt. Genauso ist er – ein Bär, der hinter einen Berg blickt und eine neue Welt sieht. Mitleid muß man mit ihm haben.
    Drei Tage warteten Kolka, Bettina und Dimitri auf eine Nachricht aus Bonn. Für Bettina und Dimitri waren es herrliche Stunden. Schwimmen gingen sie im Mittelmeer, sonnten sich im goldgelben Sand von Beiruts Bädern, saßen abends Hand in Hand auf den Terrassen der Cafés und blickten über den flimmernden, bunten Hafen und waren glücklich. Nur Kolka – Verzeihung – Karl Wolter (man muß ihn jetzt so nennen, obwohl er noch wie der alte Kolka Kabanow dachte und handelte!) war unzufrieden und fiel der deutschen Handelsmission in Beirut auf die Nerven mit seinem ewigen Fragen: »Was antwortet Bonn?«
    Bonn antwortete noch nichts. Wie konnte es auch? Der Fall Dimitri Sotowskij war ein ›Vorgang‹ geworden. Vorgänge werden in der Reihenfolge ihrer Eingänge bearbeitet. Das gehört sich so, man nennt das Ordnung. Aber Karl Wolter verstand das nicht; er dachte normal, nicht behördlich.
    »Ich warte nicht länger!« sagte er am dritten Tag zu Bettina und Dimitri, denen die Zeit still stand. »Ich schicke ein Telegramm an Wolfgang.« Und er nahm Bettina und Dimitri mit auf die Post und füllte das Formular aus. »Welche Adresse hat er?« fragte er.
    »Du wirst es an das Verteidigungsministerium schicken müssen«, sagte Bettina. »Sie werden es weiterleiten.«
    »Das wollen wir hoffen.« Karl Wolter sah an die nahe Wand. Er stand an einem Stehpult des Postamtes und überlegte den Text. »Seien wir ganz klar«, meinte er. »Wolfgang ist ein erwachsener Mann, er wird nicht umfallen.«
    Und er telegrafierte:
    »Sind in Beirut und warten auf die Rückkehr nach Deutschland. Hotel Melusine. Bettina und Vater.«
    »Gut so?« fragte Karl Wolter und schob das Telegramm zu Bettina. Sie las es, und dann stellte sie sich Wolfgang vor, wie er das Wort Vater anstarrte und zuerst nicht begriff, was es bedeuten sollte. Und dann, wenn er es endlich begriff, würde er sich hinsetzen, und das Telegramm würde aus seinen Händen fallen. Vater. 1945 vermißt in Rußland. Später für tot erklärt.
    O Gott, ein Toter kommt zurück!
    Wie kann man das bloß Mutter sagen?
    »Schick es so ab, Vater«, sagte Bettina leise. »Wolfgang ist stark genug.«
    Und so flog das Telegramm nach Deutschland.
    Am nächsten Morgen war es in Bonn, wurde mit einem Boten zum Verteidigungsministerium gebracht und einer Ordonnanz übergeben. Die Ordonnanz, ein Feldwebel, handelte wiederum logisch, als er einen Fahrer abstellte, ihm das Telegramm gab und ihm befahl, damit zur Wohnung von Frau Agnes Wolter zu fahren. Oberleutnant Wolter befand sich wieder auf einer Dienstfahrt, und wer war eher berechtigt, das Telegramm anzunehmen als seine Mutter?
    Agnes Wolter hatte gerade Kaffee getrunken und räumte das Geschirr zum Spülen in die Küche, als der Fahrer das Telegramm abgab.
    »Schönen Dank«, sagte sie freundlich, gab dem Fahrer drei Zigaretten und riß den Umschlag auf, nachdem der Bote gegangen war.
    »Sind in Beirut und warten auf die Rückkehr nach Deutschland. Hotel Melusine. Bettina und Vater.«
    Lautlos sank Agnes Wolter um … eine stumme, fast selige Ohnmacht.
    So fand sie eine Viertelstunde später Irene Brandes, die vom Einkaufen auf dem Bonner Markt kam.
    Agnes Wolter lag auf dem Rücken, ein Lächeln um die Lippen, und das Telegramm lag über ihren Augen, als solle sie es immer lesen und in sich aufsaugen.
    Bettina … und Vater …
    Die Erde kann sich rückwärts drehen.
    *
    Schon am Tag darauf war Wolfgang Wolter nach Beirut unterwegs. Er hatte sofort Sonderurlaub bekommen, nachdem der MAD festgestellt hatte, daß es kein fingiertes Telegramm gegnerischer Geheimdienste war und Wolter in eine Falle gelockt werden sollte. Die Konsularabteilung des Auswärtigen Amtes bestätigte zudem, daß es einen Vorgang Wolter – Dimitri Sotowskij gäbe. Das gab den Ausschlag. Ein amtlicher Vorgang ist immer ein Alibi.
    Mit der nächsten Maschine in den Nahen Osten also flog Wolter ab. Man räumte

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