Bis ans Ende der Welt (German Edition)
andächtig herum, begutachteten Platz und Pilger, nickten anerkennend und gingen feiern. Als ich wieder aufgeweckt wurde, war es draußen schon stoc k dunkel. Ob ich denn nicht mit essen möchte, da sei so noch so viel übrig. In Wirklichkeit war es so, daß von den eingeladenen freiwilligen Wohltätigkeit s helfern die Hälfte der Dankesfeier fern blieb. Mutmaßlich wegen des Fußballs. So erinnerte man sich des armen, hungrigen Pilgers, und das war gut, denn ich war arm, hungrig und sofort bereit, für fünfzehn fehlende Wohltätigkeitshelfer in die Bresche zu springen. Doch tat ich es bescheiden. Ich wollte die spend a blen Schweizer nicht mit teutonischer Derbheit verprellen. Keineswegs drängte ich mich weder am kalten Büffet noch am Grill vor. Auch aß ich nicht ung e bührlich viel und zu schnell. Sogar vom Salat aß ich und verlangte kein zweites Bier, obwohl das erste längst alle war, und ich noch reichlich Durst hatte. Auch sonst versuchte ich mein Bestes in prunkloser Unterhaltung mit den Damen. „Sagen Sie es auch daheim in Deutschland, wie wir sind,“ forderte mich der Gruppenleiter freundlich am Ende auf. Ich versprach es. Ich war der dankbare Empfänger. Ich wußte es, sie wußten es. „Sagen Sie ruhig die Wahrheit. So sind wir, wir Schweizer.“
Einsiedeln, km 517
Am Morgen war es wieder kalt und unfreundlich. Wie jeden Tag, was sonst. Heute sollte ich über den 950 Meter hohen Etzelpaß nach Einsiedeln kommen. Wieder ein Benediktinerkloster. Ich freute mich schon. Vorläufig trank ich noch Kaffee vor der Scheune und schaute der Zwergziegenkolonie beim Spiel zu. Ein Böckleein besetzte ein kleines Baumhaus, zu dem eine Art Laufsteg führte, und stieß die anstürmenden Kollegen hinunter. Das fiel ihm leicht, da er festen Stand hatte, während der Laufsteg schmal und rutschig war. Man sah es ihm auch an, daß es sich dabei gut amüsierte. Seltsam nur, daß es nach einer Weile diese vo r zügliche Stellung - offenbar freiwillig - mit einem Kollegen tauschte und in die Schar der Heruntergestoßenen wechselte. Ziegen sind wohl doch keine Me n schen, mögen sie sich auch manchmal den Anschein geben.
Ich machte mich auf den Weg, überwand zügig den Anstieg zum Paß und freute mich an der Landschaft und den Denkmälern. Die gab es wieder. Während auf der anderen Seite des Züricher Sees noch intensive Milchwirtschaft herrschte, wurde hier alles zunehmend ruhiger und erhabener, je näher man an den b e rühmten Wallfahrtsort herankam. Am Paß steht eine Kapelle, die Sankt Meinrad gewidmet ist. Der Mönch lebte hier im neunten Jahrhundert, bevor er nach Ei n siedeln weiter zog. Dort wurde er später von Räubern erschlagen, aber zwei R a ben verfolgten diese bis nach Zürich und verpfiffen sie bei der Polizei. Gute He i ligengeschichte. Einige steile Abhänge weiter quert romantisch eine hol z überdachte Steinbogenbrücke aus dem Jahr 1699 die Sihl. Teufelsbrücke, heißt sie ganz passend. Im Haus daneben wurde nämlich im Jahre 1493 der berühmte Arzt Paracelsus geboren. Hier muß seit eh und je jeder Pilger durch. Da kommt er auf seine Kosten. Ich konnte in aller Ruhe in den gähnenden Schlund scha u en, während ein Regenguß hinein stürzte. Einen zweiten nützte ich zur Mittag s pause in der Galgenkappelle. Ein Ort der Gewalt, der zu Demut und Besinnung bewegt, doch auch weite, freie Sicht bietet. Vielleicht wußten es die hier G e hängten noch zu schätzen. Zum Schluß steht kurz vor Einsiedeln die Ga n gulfskapelle gar aus dem Jahr 1030. Das älteste Haus in der Gegend. Einst füh r te der Camino direkt durch diese Kapelle hindurch. Und dann, als Höhepunkt, das Kloster Einsiedeln. Ein imposanter, massiver Barockbau aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Doch noch bei der Weihe der ersten Kirche im Jahre 948 soll Christus „mit mehreren Engeln“ erschienen sein.
Ein ehrwürdiger Tag. Vom weiten konnte ich schon die Glocken läuten hören, als ich um Mittag vom Berg hinunterstieg. Es war heute ein kurzer und ein kurzweiliger Marsch. Auch andere Pilger strebten dem Wallfahrtsort zu. Ich traf sie unterwegs im Wald, wo sich der von Konstanz führende Schwabenweg mit dem von mir begangenen Appenzeller Weg vereinigt, und später noch an der Galgenkapelle. Darunter gab es sogar ein paar harmlose Radler. Doch gleich dreitausend Kroaten wurden an diesem Sonntag zu einer Prozession erwartet. Gigantisch. Es schien eine erwartungsvolle Spannung über dem Ort zu liegen. Jedenfalls fühlte ich mich so, daß
Weitere Kostenlose Bücher