Blutsverwandte: Thriller (German Edition)
Trennung. Was auch immer es letztlich sein wird.«
»Ja, wie gesagt, es ist deine Entscheidung.«
»In diesem Fall ändern sich die Pläne ein bisschen.« Er hielt das Prepaid-Handy in die Höhe, das Giles besorgt hatte. »Du rufst mich gegen zehn Uhr auf diesem Telefon zu Hause an und sagst, ich soll zu Dad rüberkommen. Ich bringe Victoria und die Kinder in unserem Geländewagen mit und lasse meinen Arbeitsvan zu Hause. Du hast einen neuen Geländewagen in Dads Einfahrt geparkt, der mit allem bepackt ist, was wir für die Fahrt in die Berge brauchen. Wenn wir in den Bergen sind, rufst du mich an, um mir zu sagen, wie es weitergeht.«
»Hmm. Das ist nicht ganz das, was wir besprochen hatten, und ich halte es für klüger, diesen Aspekt der Pläne nicht abzuändern«, erklärte Giles. »Es ist wesentlich besser, wenn du mit den Kindern allein fährst, ohne Victoria. Sie kann etwas später nachkommen.«
»Aber …«
»Lass es dir durch den Kopf gehen, Roy. Wir müssen die Modalitäten der Scheidung mit Victoria klären, ehe sie weiß, wo du mit den Kindern bist, sonst sind wir ihr gegenüber in einer ganz schlechten Verhandlungsposition. Dafür zu sorgen, dass sie die Familie nicht über den Tisch zieht, überlässt du besser uns, meinst du nicht auch?«
Roy starrte die beiden an. Giles überlegte, ob er wohl Einwände vorbringen würde, doch schließlich sagte er: »Ich vertraue darauf, dass du das tust, was am besten ist, Giles.«
»Das ehrt mich«, erwiderte Giles. »Aber jetzt schicken wir dich nach Hause. Brauchst du etwas zum Einschlafen?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Dex, gib ihm doch was, nur für den Fall, dass er es sich anders überlegt.«
Dex ging zu einem Medizinschrank im Badezimmer und kehrte mit einem Fläschchen Beruhigungsmittel zurück.
Roy musterte das Etikett. »Hier steht, die seien für Victoria«, sagte er erstaunt. »Und sie wurden vor sechs Monaten verschrieben.«
»Sie hat Susan angerufen …«, begann Dex.
»Unsere Susan? Dr. Susan?«
»Ja.«
»Warum?«
»Victoria hat sie gebeten, ihr etwas zu verschreiben, damit sie besser einschlafen kann«, erklärte Giles. »In der Zeit, als du … immer so lang gearbeitet hast.«
»Oh.« Roy steckte das Fläschchen ein, ehe er aufstand und zur Tür schlurfte. Es war der schwankende Gang eines Betrunkenen, obwohl Giles wusste, dass sein Bruder völlig nüchtern war. Roy kämpfte mit seinen lang gehegten Hoffnungen für Victoria – seinen Träumen, ihr dabei zu helfen, die perfekte Ehefrau und Mutter zu werden – und den Tatsachen, vor denen er die Augen nicht verschließen konnte und auf die ihn Dex und Giles unermüdlich aufmerksam machten. Dexters scharfsinnige Beobachtung an diesem Abend, dass Roy gern den Retter spielte, war absolut zutreffend. Dass Roy sich gern so sah, hatte wohl zumindest zum Teil zu seiner Vernarrtheit in Cleo beigetragen, obwohl Giles beinahe laut gelacht hätte, wenn er sich vorstellte, dass jemand Cleo retten wollte. Der arme Junge war in einer schrecklichen Verfassung, doch Giles war fest davon überzeugt, dass er sich letztlich zusammenreißen würde.
Roy blieb an der Tür stehen und wandte sich zu Dex um. Er hielt das Pillenfläschchen in die Höhe. »Es sind doch nur Schlaftabletten, oder?«
»Aber sicher. Sie könnte ohne Weiteres ein Dutzend davon nehmen.«
»Ein Dutzend …«
»Ja.«
Als sie seinen Van davonfahren hörten, sagte Giles: »Das lief doch ziemlich gut, findest du nicht?«
Dex zuckte die Achseln. »Das werden wir bald erfahren«, antwortete er. »Ich gehe jetzt nach Hause. Maggie wird sich schon fragen, wo ich bleibe.«
Daran hatte Giles massive Zweifel, doch er wünschte ihm trotzdem eine gute Nacht.
36. KAPITEL
DIENSTAG, 2. MAI, 04:35 UHR HUNTINGTON BEACH
Schweigend beobachteten die beiden Mädchen vom Fenster ihres Zimmers aus die Straße. Der Lieferwagen für die Zustellung des Orange County Register war schon vor einiger Zeit vorübergefahren, und langsam fürchtete Carrie, dass sie umsonst warteten.
Sie war todmüde, aber zugleich viel zu nervös und aufgeregt, um einzuschlafen. Genie zeichnete mit den Fingerspitzen etwas auf die Fensterscheibe, wobei sie immer wieder hauchte, damit das Glas beschlug, ehe sie Gesichter hineinmalte. Carrie wagte kein Licht zu machen, um zu lesen oder sich mit etwas anderem zu beschäftigen, während sie warteten.
Sie hatte nie bewusst wahrgenommen, wie still es zu dieser Tageszeit war. Nach einer Weile gab sie nach und malte
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