Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
Vom Netzwerk:
Seine dunklen Augen leuchteten, und er erinnerte sie an Tugomir im gleichen Alter.
    »Und was hat der Bruder Kellermeister dazu gesagt, dass ihr die Hühner besoffen gemacht habt?«, fragte sie und bemühte sich ohne großen Erfolg um eine ernste Miene.
    Wilhelm grinste. »Er konnte uns zum Glück nichts nachweisen. Er hat zwar behauptet, hinter solchen Geschichten steckten immer Dietmar und ich, aber Brun hat ihn höflich daran erinnert, dass unbewiesene Verdächtigungen fast so schlimm sind, wie falsches Zeugnis wider seinen Nächsten abzulegen. Auf Onkel Brun ist eben immer Verlass.«
    »Und dein Unterricht? Macht er dir Freude?«
    Er gestand ihr, dass er die Schriften der Patriarchen oft mühsam fand, und eine Weile hatte er befürchtet, er sei gottlos, weil er so wenig Erbauung beim Studium der Schriften erfahre. »Aber Bischof Balderich hat gesagt, der Herr offenbare sich nicht jedem in den Schriften der Kirchenväter, und ich würde meinen Weg schon finden. Und es stimmt. Als ich Schreibunterricht bekam, wurde alles besser. Bruder Fulk sagt, ich habe eine Begabung dafür, und eines Tages ließ er mich einen Esel und einen Hund an den Rand meines Pergamentbogens zeichnen. Und es ging ganz leicht, Mutter. Der Esel … floss einfach aus der Feder, so kam es mir vor.«
    Dragomira lauschte ihm ungläubig. »Du lernst Buchmalerei?«
    Er nickte eifrig. »Am liebsten würde ich in ein Kloster eintreten und Kopist und Buchmaler werden. Bruder Fulk sagt, daraus kann nichts werden, weil ich der Sohn des Königs bin und ein Kirchenfürst werden muss. Aber das macht nichts, schätze ich. Es ist, wie Bischof Balderich gesagt hat. Ich habe meinen Weg gefunden.«
    Dragomira dachte insgeheim, dass Wilhelm noch viel zu jung für solcherart Erkenntnisse war, doch es bereitete ihr unbändige Freude, dass sie ihre Gabe an ihren Sohn weitergegeben hatte. »Jetzt fehlen dir deine Freunde und die Domschule sicher«, mutmaßte sie.
    Er hob die mageren Schultern. »Dafür ist es schön, meinen Bruder und meine Schwester und meinen Vater wiederzusehen. Und dich und meinen Onkel.« Er schwieg einen Moment und fragte dann: »Werden wir … wird es ein Abschied für immer sein, wenn ihr nach Osten geht?«
    »Auf keinen Fall«, entgegnete sie, obwohl sie keineswegs sicher war. »Solange du am Hof deines Vaters bist, werden wir weniger weit voneinander entfernt sein als zuvor, denn bei gutem Wetter sind es nur drei oder vier Tagesreisen von Brandenburg nach Magdeburg.«
    »Wirklich?«, fragte er verblüfft. »Ich hätte gedacht, es sind Hunderte von Meilen, weil es … so verschiedene Welten sind.«
    Dragomira strich ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn. Er zuckte nicht zurück, aber er drehte für einen Augenblick den Kopf zur Seite, so als sei er verlegen. Sie wünschte sich den kleinen Jungen zurück, der er bei ihrer letzten Begegnung gewesen war, der stundenlang auf ihrem Schoß gesessen hatte, die Arme um ihren Hals geschlungen. Sie hätte heulen können um die Jahre, um die sie und Wilhelm betrogen worden waren.
    Stattdessen nahm sie sich zusammen und antwortete: »Dein Vater und dein Onkel Tugomir hoffen, dass wir die Kluft vielleicht überbrücken können.«
    »Seltsam. Als ich klein war, hat Onkel Tugomir manchmal zu mir gesagt, Slawen und Sachsen seien so verschieden wie Stein und Gras, und deswegen müsste ich mich meiner slawischen Wurzeln erinnern. Damit ich mich nicht verliere, sagte er. Denkst du, er hat seine Ansicht geändert, weil er den wahren Glauben gefunden hat?«
    Sie dachte einen Moment darüber nach. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich denke nicht, dass er seine Ansicht über die Verschiedenheit von Slawen und Sachsen geändert hat. Dafür kennt er sie beide zu gut. Aber da dein Vater sich nun einmal entschlossen hat, ihn freizulassen und nach Hause zu schicken, was bleibt deinem Onkel da anderes übrig, als es zu versuchen? Er kann die Jahre, die er hier verbracht hat, ja nicht aus seinem Gedächtnis löschen.«
    Wilhelm nickte versonnen. »Und was ist mit dir?«, wollte er dann wissen. »Freust du dich darauf, nach Hause zu kommen?«
    Dragomira graute davor.
    Tugomir hatte Alveradis vor sich in den Sattel gesetzt, war aus der Pfalz und durch das Städtchen bis ans Ufer der Bode geritten, und es dauerte nicht lange, bis sie die Felder hinter sich ließen und in den Wald kamen. Es war ein heißer Junitag, fast völlig windstill. Die Sonne schien von einem makellos blauen Himmel durch das Blätterdach der

Weitere Kostenlose Bücher