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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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gedenken und für ihre Seelen zu beten, und nicht ihrer persönlichen Eitelkeit zu frönen.«
    Und irgendwer sollte dich daran erinnern, dass die Verwaltung unserer Vorräte an Pergament und Öl dich gar nichts mehr angeht, seit der König dir die Kontrolle über das Stift entzogen hat, dachte Dragomira verdrossen, aber sie senkte scheinbar demütig den Kopf. »Vergebt mir, ehrwürdige Mutter.«
    »Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«, gab Mathildis zurück. Es klang unangemessen schnippisch für eine Äbtissin und Königin. Beinah hysterisch.
    Seit Prinz Henning zurück zu seinem Schwager nach Lothringen geflohen war, schien Mathildis von großer Unruhe erfüllt. Die tiefen Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie schlecht schlief, der Ausschnitt ihres Gesichts, den der Schleier freiließ, wirkte fahl, und mit einem Mal war ihr anzusehen, dass sie eine Greisin von vierundvierzig Jahren war.
    Dragomira wusste, sie hätte mehr Mitgefühl für eine Mutter empfinden müssen, die um ihren Sohn bangte, denn das war ein Kummer, den sie selbst zur Genüge kannte. Aber sie hatte kein Mitgefühl für die Königinmutter. Sie wusste, es wäre pure Verschwendung gewesen. Mathildis wollte keine Anteilnahme und hatte sie auch nicht verdient. Sie selbst hatte ihrem Lieblingssohn die Flausen in den Kopf gesetzt, die ihn in die offene Rebellion gegen seinen Bruder und König getrieben hatten.
    »Das neue Necrologium anzulegen war Euer Wunsch, ehrwürdige Mutter«, sagte Dragomira. »So wie es Eure Änderungswünsche nach begonnener Arbeit waren, die es erforderten, von vorne zu beginnen und neues Pergament zu verbrauchen, weil viele der bereits beschriebenen Bögen beim Abschmirgeln beschädigt wurden. Und weil Ihr zur Eile drängtet, haben die Schwestern und ich den ganzen Winter über bis zur Komplet daran gearbeitet, also zwangsläufig bei Lampenlicht.«
    »Du willst mir die Schuld an deiner Verschwendung geben?«, fragte Mathildis ungläubig. »Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen.«
    Dragomira hörte den drohenden Tonfall, hob den Kopf und sah der Äbtissin ins Gesicht. Sie wusste, es war unklug. Sie wusste, Jesus Christus verlangte Demut von den Seinen. Aber diese Frau drangsalierte und erniedrigte sie seit drei Jahren bei jeder Gelegenheit, und das Maß war voll.
    Ehe sie zum Gegenangriff übergehen konnte, ergriff indes die Priorin das Wort. »Ich denke, hier liegt kein Fall von Verschwendung vor. In unserem Scriptorium wird viel gearbeitet. Zahlreiche Werke sind dort entstanden, die den Namen des Herrn preisen und ihm gefällig sind und uns – nebenbei bemerkt – nicht wenig Ansehen und noch mehr Silber eingebracht haben. Die Materialkosten können wir verschmerzen, scheint mir.«
    »Dennoch gestatte ich keine Respektlosigkeiten«, beharrte die Äbtissin.
    Schwester Gertrudis nickte. »Keine der Schwestern würde wagen, Euch den geschuldeten Respekt zu verweigern, ehrwürdige Mutter. Schwester Dragomira hat Euch lediglich die Erklärung gegeben, die ihr verlangt habt, nicht wahr?«
    Ihr Lächeln war so gewinnend, dass selbst eine verbitterte alte Schachtel wie Mathildis nicht gänzlich gefeit dagegen war. Für einen Moment geriet sie ins Wanken, ob sie die Konfrontation vor der Gemeinschaft der Schwestern fortsetzen wollte oder nicht. Dragomira sah genau, was sich in Mathildis’ Kopf abspielte: Sie wollte die slawische Schlampe noch nicht vom Haken lassen, die sie zwar brauchte, um den Ruhm ihres Kanonissenstifts zu mehren, die sie aber leidenschaftlich verabscheute, weil sie ihren Sohn auf Abwege geführt und ihm einen Bastard geboren hatte. Gleichzeitig wollte sie einen öffentlichen Machtkampf mit der Priorin vermeiden, weil sie ihn dank der Verfügungen, die Otto getroffen hatte, verlieren würde.
    Ehe Mathildis noch entschieden hatte, wie sie fortfahren wollte, stieß Schwester Alveradis einen halb unterdrückten Laut der Überraschung aus und sprang auf die Füße – womit sie den Unmut der Äbtissin auf sich lenkte.
    »Was hat das zu bedeuten, Schwester? Ich hoffe, du bist nicht schon wieder unwohl?«
    Alveradis würdigte sie keiner Antwort. Dragomira folgte ihrem Blick. An der Tür des Kapitelsaals standen zwei Männer und ein Knabe. Die blendende Morgensonne schien genau hinter ihnen, sodass Dragomira nur drei Schattenrisse sah, aber sie erkannte sie trotzdem. Langsam erhob auch sie sich von ihrem Platz auf der Bank.
    Die Ankömmlinge traten ungebeten näher, und der linke verneigte

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