Das Lied von Eis und Feuer 1 - Die Herren von Winterfell
schüttelte den Kopf.
»Wir haben die Stelle gefunden, wo er geschlafen hat«, warf Robb ein. »Er hatte neunzig Silberhirsche in einem Lederbeutel unter dem Stroh versteckt.«
»Es tut gut zu wissen, dass das Leben meines Sohnes nicht billig verkauft wurde«, sagte Catelyn verbittert.
Hallis Mollen sah sie verwundert an. »Ich bitte um Verzeihung, M’lady, Ihr sagt, er wollte Euren Jungen ermorden?«
Graufreud hatte seine Zweifel. »Das ist Irrsinn.«
»Er war wegen Bran hier«, beharrte Catelyn. »Ständig hat er gemurmelt, dass ich nicht hier sein sollte. Er hat die Bibliothek in Brand gesteckt, weil er dachte, ich würde eilig laufen, um zu löschen, und die Wachen dorthin mitnehmen. Wäre ich vor Trauer nicht halb verrückt gewesen, hätte es so kommen können.«
»Warum sollte jemand Bran ermorden?«, fragte Robb. »Bei allen Göttern, er ist nur ein kleiner Junge, hilflos im Schlaf …«
Catelyn warf ihrem Erstgeborenen einen scharfen Blick zu. »Wenn du im Norden herrschen sollst, musst du über solche Dinge nachdenken, Robb. Beantworte dir die Frage selbst. Warum sollte jemand ein schlafendes Kind ermorden wollen? «
Bevor er antworten konnte, kehrten die Dienerinnen mit
einem Tablett voller Speisen aus der Küche zurück. Es war viel mehr darauf, als sie erbeten hatte: warmes Brot, Butter und Honig und eingemachte Brombeeren, ein Speckstreifen und ein weich gekochtes Ei, ein Stück Käse, eine Kanne Pfefferminztee. Und nun kam auch Maester Luwin.
»Wie geht es meinem Sohn, Maester?« Catelyn sah die Speisen an und merkte, dass sie keinen Appetit hatte.
Maester Luwin senkte den Blick. »Unverändert, Mylady.«
Es war die Antwort, die sie erwartet hatte, nicht mehr und nicht weniger. In ihren Händen pochte der Schmerz, als sei die Klinge noch in ihr, tief eingeschnitten. Sie schickte die Dienerinnen fort und sah Robb wieder an. »Hast du inzwischen eine Antwort?«
»Jemand fürchtet, dass Bran aufwachen könnte«, sagte Robb, »fürchtet, was er sagen oder tun könnte, fürchtet etwas, das er weiß.«
Catelyn war stolz auf ihn. »Sehr gut.« Sie wandte sich dem neuen Hauptmann der Wache zu. »Wir müssen Bran schützen. Wo ein Mörder ist, könnten noch weitere sein.«
»Wie viele Wachen wollt Ihr, M’lady?«
»Solange Lord Eddard fort ist, ist mein Sohn Herr über Winterfell«, erklärte sie ihm.
Robb wurde gleich etwas größer. »Stellt einen Mann ins Krankenzimmer, bei Tag und Nacht, einen vor die Tür, zwei weitere unten an die Treppe. Niemand besucht Bran ohne meine Zustimmung oder die meiner Mutter.«
»Ganz wie Ihr sagt, M’lord.«
»Tut es gleich«, verlangte Catelyn.
»Und lasst seinen Wolf bei ihm im Zimmer«, fügte Robb hinzu.
»Ja«, sagte Catelyn. Und dann wieder: »Ja.«
Hallis Mollen verbeugte sich und ging hinaus.
»Lady Stark«, sagte Ser Rodrik, als der Gardist gegangen war, »habt Ihr zufällig den Dolch bemerkt, den der Mörder benutzt hat?«
»Die Umstände ließen nicht zu, dass ich ihn näher untersuchen
konnte, aber für seine Schärfe kann ich mich verbürgen«, erwiderte Catelyn mit schiefem Lächeln. »Wieso fragt Ihr?«
»Wir fanden das Messer noch in der Hand des Schurken. Es schien mir eine insgesamt zu feine Waffe für einen solchen Mann, deshalb habe ich sie mir lange und gut angesehen. Die Klinge ist aus valyrischem Stahl, der Griff aus Drachenknochen. Eine solche Waffe hat in Händen wie den seinen nichts zu suchen. Jemand hat sie ihm gegeben.«
Catelyn nickte nachdenklich. »Robb, schließ die Tür.«
Er sah sie seltsam an, doch tat er wie ihm befohlen.
»Was ich Euch erzählen will, darf dieses Zimmer nicht verlassen«, erklärte sie. »Ich möchte Euren Eid darauf. Wenn nur ein Teil von dem, was ich vermute, stimmt, sind Ned und meine Mädchen in tödlicher Gefahr, und ein Wort im falschen Ohr könnte sie das Leben kosten.«
»Lord Eddard ist mir wie ein zweiter Vater«, sagte Theon Graufreud. »Deshalb schwöre ich.«
»Ihr habt meinen Eid«, sagte Maester Luwin.
»Und meinen auch, Mylady«, setzte Ser Rodrik hinzu.
Sie sah ihren Sohn an. »Und du, Robb?«
Er nickte zustimmend.
»Meine Schwester Lysa glaubt, die Lennisters hätten ihren Mann Lord Arryn, die Rechte Hand des Königs, ermordet«, erklärte Catelyn. »Dabei fällt mir ein, dass sich Jaime Lennister an jenem Tag, als Bran stürzte, nicht der Jagdgesellschaft angeschlossen hatte. Er war hier in der Burg geblieben.« Im Zimmer herrschte Totenstille. »Ich glaube nicht, dass
Weitere Kostenlose Bücher