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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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vor.
    »Ich bin keine Sängerin«, sagte Alma.
    »Ich glaube nicht, dass sie Einwände erheben wird.«
    Doch Alma hatte Mühe, sich auch nur eines einzigen Liedes zu entsinnen. Stattdessen neigte sie sich zu Rettas Ohr und flüsterte: »Wer liebt dich sehr? Wer liebt dich mehr? Wer denkt an dich, wenn andere ruhen?«
    Retta blieb eine Antwort schuldig.
    Mit einem Anflug von Panik wandte sich Alma zu Ambrose und fragte ihn: »Kennen Sie ein Lied?«
    »Ich kenne viele Lieder, Alma. Doch Rettas Lied kenne ich nicht.«
    •
    Auf der Heimfahrt waren Alma und Ambrose nachdenklich und still. Schließlich fragte Ambrose: »War sie immer so?«
    »So benommen? Nein, überhaupt nicht. Sie war zwar immer ein bisschen verrückt, aber als junges Mädchen einfach entzückend. Sie besaß einen wilden Humor und einigen Charme. Man musste sie einfach liebhaben. Selbst meiner Schwester und mir brachte sie Fröhlichkeit und Gelächter – dabei war es uns beiden, wie ich ja schon erzählt habe, bis dahin nicht vergönnt, Momente der Fröhlichkeit miteinander zu teilen. Doch im Laufe der Jahre nahmen Rettas Störungen zu. Und jetzt … Sie haben es ja gesehen …«
    »Ja. Ich habe es gesehen. Armes Geschöpf. Geisteskranke erwecken solches Mitgefühl bei mir. Sooft ich in ihrer Nähe bin, empfinde ich dies bis in die Tiefen meines Gemüts. Ich glaube im Übrigen, wer behauptet, sich niemals dem Wahnsinn nahe gefühlt zu haben, der lügt.«
    Alma dachte über Ambroses Äußerung nach. »Ich glaube ungelogen, dass ich mich niemals dem Wahnsinn nahe gefühlt habe«, stellte sie schließlich fest. »Ich frage mich, ob ich damit die Unwahrheit sage. Aber ich glaube nicht.«
    Ambrose lächelte. »Natürlich nicht. Ich hätte Sie davon ausnehmen sollen, Alma. Sie sind anders. Ihr Denken ist von großer Festigkeit und Substanz. Ihre Gefühle sind beständig und unverwüstlich. Darum geben Sie den Menschen in Ihrer Nähe ein so starkes Gefühl der Sicherheit.«
    »Tue ich das?« Almas Erstaunen war durch und durch echt.
    »Ja, allerdings.«
    »Das ist ein wunderlicher Gedanke, den ich noch nie gehört habe.« Alma sah aus dem Kutschfenster und sann nach. Dann fiel ihr etwas ein. »Oder vielleicht doch. Wissen Sie, Retta sagte mir einmal, ich hätte ein beruhigendes Kinn.«
    »Ihr ganzes Wesen strahlt etwas Beruhigendes aus, Alma. Selbst Ihre Stimme ist beruhigend. Für diejenigen unter uns, die zuweilen das Gefühl erfasst, dass sie durchs Leben getrieben werden wie Streu über einen Mühlenboden, ist Ihre Gegenwart ein unschätzbarer Trost.«
    Alma wusste keine Antwort auf diese überraschende Erklärung und versuchte einfach, sie abzutun. »Ach was, Ambrose«, sagte sie. »Sie sind doch selbst ein so ausgeglichener, gefasster Mensch – gewiss haben auch Sie sich noch nie dem Wahnsinn nahe gefühlt.«
    Er dachte einen Augenblick nach und wählte die folgenden Worte mit Bedacht: »Ein gewisses Gefühl der Vertrautheit mit Zuständen wie denen Ihrer Freundin Retta Snow lässt sich nicht leugnen.«
    »Nicht doch, Ambrose!«
    Als seine Antwort auf sich warten ließ, wurde ihr bang ums Herz.
    »Nicht doch, Ambrose«, wiederholte sie, diesmal leiser. »Oder?«
    Wieder übte er sich in Vorsicht und nahm sich Zeit. »Ich spreche von einem Gefühl des Herausgerissenseins aus dieser Welt – gepaart mit einer Orientierung hin zu einer anderen Welt.«
    »Welcher anderen Welt?«, fragte Alma.
    Sein Zögern ließ erahnen, dass sie zu weit gegangen war, weshalb sie sogleich in ungezwungenerem Ton hinzufügte: »Ich bitte um Entschuldigung, Ambrose. Ich habe die schreckliche Angewohnheit, zu fragen und zu fragen, bis ich eine zufriedenstellende Antwort erhalte. Das liegt, so leid es mir tut, nun einmal in meiner Natur. Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unhöflich.«
    »Sie sind nicht unhöflich«, erwiderte Ambrose. »Ich weiß Ihre Neugier zu schätzen. Ich frage mich lediglich, wie ich Ihnen eine zufriedenstellende Antwort geben soll. Man möchte die Zuneigung der Menschen, die man bewundert, nicht verlieren, indem man zu viel von sich preisgibt.«
    Womit Alma den Gegenstand ad acta legte in der Hoffnung, die Geisteskrankheit werde als Thema nie wieder Erwähnung finden. Um den Anschein von Normalität zu erwecken, nahm sie ein Buch aus der Tasche und versuchte zu lesen. Allein, das Rütteln und Holpern der Kutsche war einer bequemen Lektüre nicht zuträglich, und auch das eben Gehörte lenkte ihren Geist ab; dennoch gab sie vor, in ihr Buch vertieft

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