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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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beschäftigte ihren Geist, und sie wusste, dass ihre Forschungen redlich und unanfechtbar waren. Sie hatte ihre Fachzeitschriften, ihr Herbarium, ihre Mikroskope, ihre botanischen Abhandlungen, ihre Briefe von Sammlern aus Übersee, ihre Pflichten gegenüber dem Vater. Sie hatte ihre Gepflogenheiten, ihre Angewohnheiten und ihre Aufgaben. Sie hatte ihre Würde. Zweifelsohne war sie wie ein Buch, in dem seit beinahe dreißig Jahren Tag für Tag dieselbe Seite aufgeschlagen wurde – doch so schlecht war diese Seite nicht. Alma war zufrieden gewesen, heiter. Es war durchaus ein gutes Leben gewesen.
    Doch nun war ihr die Rückkehr in dieses Leben für alle Zeiten verwehrt.
    •
    Im Juli des Jahres 1848 stattete Alma ihrer Freundin Retta – zum ersten Mal seit deren Einweisung in die Griffon-Irrenanstalt – einen Besuch ab. Alma hatte das George Hawkes gegebene Versprechen, Retta jeden Monat zu besuchen, nicht gehalten; auf White Acre hatte seit Ambroses Ankunft ein so reges Treiben geherrscht, dass Retta darüber in Vergessenheit geraten war. Erst in der Mitte des Monats Juli begann sich Almas Gewissen zu regen, und sie traf sogleich alle Vorkehrungen für die Kutschreise nach Trenton. Sie schickte George Hawkes eine Nachricht mit der Frage, ob er sie begleiten wolle, doch er verneinte ohne Angabe von Gründen. Alma wusste, dass er es einfach nicht ertragen konnte, Retta in ihrem derzeitigen Zustand zu sehen. Ambrose hingegen bot Alma seine Begleitung an.
    »Aber Sie haben doch so viel zu tun«, wandte Alma ein. »Zudem wird es wohl kaum ein erquicklicher Besuch.«
    »Die Arbeit kann warten. Ich würde Ihre Freundin gern kennenlernen. Und ich gestehe, dass ich eine gewisse Neugier verspüre, was Erkrankungen des Geistes betrifft. Es würde mich interessieren, dieses Irrenhaus zu sehen.«
    Nach einer reibungslosen Fahrt nach Trenton und einem kurzen Gespräch mit dem behandelnden Arzt wurden Alma und Ambrose in Rettas Zimmer geführt. Es war ein kleiner Raum, ausgestattet mit einem ordentlichen Bett, einem Tisch samt Stuhl, einem schmalen Teppich und einem Flecken an der Wand, wo einst ein Spiegel gehangen hatte, bevor er – wie die Schwester erklärte – entfernt wurde, weil er die Patientin in Unruhe versetzte.
    »Wir haben eine Zeitlang versucht, sie mit einer anderen Dame das Zimmer teilen zu lassen«, berichtete die Schwester. »Aber dazu war sie nicht in der Lage, wurde gewalttätig. Sie bekam Anfälle von panischer Erregung. Man muss tatsächlich um jeden bangen, der allein mit ihr ist. Da ist ein Einzelzimmer besser.«
    »Was tun Sie, wenn sie solche Anfälle erleidet?«, fragte Alma.
    »Eisbäder«, antwortete die Schwester. »Und wir verbinden ihr Augen und Ohren. Das scheint sie zu beruhigen.«
    Alles in allem war es kein unerfreulicher Raum. Lichtdurchflutet, mit Blick auf die hinteren Gärten, und doch spürte Alma die Einsamkeit, die ihre Freundin umgab. Retta war ordentlich gekleidet, das Haar sauber und sorgsam geflochten, aber irgendwie sah sie gespenstisch aus. Aschfahl. Nach wie vor war sie ein hübsches Ding, inzwischen jedoch wirklich nur noch ein Ding. Sie wirkte weder erfreut noch beunruhigt, Alma zu sehen, und zeigte keinerlei Interesse an Ambrose. Alma setzte sich neben Retta und nahm ihre Hand. Sie ließ es widerspruchslos geschehen. Einige Fingerspitzen waren verbunden.
    »Was ist da passiert?«, fragte Alma die Schwester.
    »Nachts beißt sie sich«, erklärte diese. »Wir können sie nicht daran hindern.«
    Alma hatte Retta eine kleine Tüte Zitronenbonbons und einige in Papier gewickelte Veilchen mitgebracht, doch Retta starrte auf die Geschenke, als fragte sie sich, was davon zu essen und was zu bewundern war. Nicht einmal die neueste Ausgabe von Joy’s Lady’s Book , die Alma unterwegs noch erstanden hatte, erregte ihr Interesse. Alma wurde den Verdacht nicht los, dass die Blumen, das Damenjournal wie auch die Bonbons am Ende der Schwester den Heimweg versüßen würden.
    »Wir sind gekommen, um dich zu besuchen«, sagte sie etwas lahm.
    »Warum seid ihr dann nicht hier?«, fragte Retta mit dumpfer, verwaschener Stimme. Laudanum, dachte Alma.
    »Wir sind doch hier, Liebes. Wir sind bei dir.«
    Retta sah Alma ausdruckslos an, dann wanderte ihr Blick wieder zum Fenster.
    »Ich hatte ihr ein Prisma mitbringen wollen«, sagte Alma zu Ambrose. »Und nun bin ich losgefahren und habe es vergessen. Sie hat Prismen immer geliebt.«
    »Sie sollten ihr ein Lied vorsingen«, schlug Ambrose leise

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