Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
zu sein.
Nach längerer Zeit ergriff Ambrose wieder das Wort: »Ich habe Ihnen noch nicht verraten, warum ich Harvard vor vielen Jahren den Rücken kehrte.«
Alma ließ das Buch sinken und sah ihn an.
»Ich erlitt einen Anfall, Alma«, sagte er.
»Von Wahnsinn?«, fragte Alma. Wie gewohnt sprach sie ohne Umschweife, obwohl sich ihr Magen in banger Erwartung der Antwort zusammenzog.
»Möglicherweise. Mir fehlt die Gewissheit, als was man es bezeichnen sollte. Meine Mutter hielt es für Wahnsinn. Meine Freunde hielten es für Wahnsinn. Die Ärzte glaubten, es sei Wahnsinn. Ich selbst fühlte, dass es etwas anderes war.«
»Nämlich?«, fragte sie trotz wachsender Beklemmung in möglichst normalem Ton.
»Besessenheit von Geistern vielleicht? Von magischen Kräften? Ein Überschreiten stofflicher Grenzen? Vom Feuer beflügelte Inspiration?« Er lächelte nicht. Er meinte es durchaus ernst.
Ambroses Bekenntnis gab Alma derart zu denken, dass sie nichts zu erwidern wusste. In ihrer Gedankenwelt war für ein Überschreiten stofflicher Grenzen kein Platz. Nichts verlieh Alma Whittakers Leben mehr Sicherheit und Stabilität als die ermutigende Gewissheit, dass es stoffliche Grenzen gab.
Ambrose warf ihr einen fast ängstlichen Blick zu. Er beäugte Alma wie einen Kompass, dem er – je nach Beschaffenheit der ablesbaren Reaktion – die weitere Marschrichtung entnehmen würde. Sie mühte sich, alle Anzeichen von Besorgnis aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Offenbar stellte ihn das, was er sah, zufrieden.
»Als ich neunzehn war«, fuhr er fort, »stieß ich in der Bibliothek von Harvard auf mehrere Bücher von Jacob Böhme. Kennen Sie ihn?«
Natürlich kannte sie ihn. Seine Bücher waren auch in der Bibliothek von White Acre vertreten, und Alma hatte Böhme gelesen, doch ihre Bewunderung hielt sich in Grenzen. Jacob Böhme war ein deutscher Schuhmacher des sechzehnten Jahrhunderts, in dessen Denken mystische Pflanzenvisionen eine zentrale Rolle spielten. Viele betrachteten ihn als frühen Botaniker. Almas Mutter hingegen betrachtete ihn als einen Sumpf, in dem Reste mittelalterlichen Aberglaubens fortwirkten. Es gab also, was Jacob Böhme betraf, beträchtliche Meinungsunterschiede.
Der alte Schuhmacher hatte an etwas geglaubt, das er als signatura rerum bezeichnete, eine Art himmlische Zeichensprache: Gott habe zur Vervollkommnung der Menschheit verborgene Hinweise in der Struktur jeder Blume oder Frucht, jedes Baumes oder Blattes auf Erden hinterlegt. Die ganze Welt der Natur sei ein göttlicher Geheimcode, behauptete Böhme, durch den der Schöpfer Zeugnis seiner Liebe ablege. Aus diesem Grunde ähnelten Arzneipflanzen den jeweiligen Gebrechen, für deren Heilung sie bestimmt seien, oder den Organen, für deren Behandlung sie sich eigneten. So sei etwa Basilikum mit seinen leberförmigen Blättern ein unverkennbares Heilmittel bei Erkrankungen der Leber. Das Schöllkraut, welches einen gelben Saft erzeugt, könne zur Behandlung der gelblichen Hautverfärbung verwendet werden, die mit der Gelbsucht einhergeht. Walnüsse, deren Form der des menschlichen Gehirns ähnelt, seien bei Kopfschmerzen hilfreich. Huflattich, der unweit von kalten Bächen erblüht, könne den durch ein Bad in eisigem Wasser hervorgerufenen Husten oder Schüttelfrost heilen. Polygonum mit seinen blutrot gesprenkelten Blättern sei geeignet für die Behandlung offener Fleischwunden. So ging es immer weiter, eine Liste, die sich bis ins Unendliche fortführen ließ. Beatrix Whittaker hatte für solcherlei Theorien nichts als beißenden Spott übrig (»Die meisten Pflanzenblätter ähneln der menschlichen Leber – sollen wir sie deshalb alle essen?«), und Alma hatte sich die mütterliche Skepsis zu eigen gemacht.
Doch dies war nicht der rechte Moment für Skepsis, denn Ambrose hatte, wie Alma erst jetzt bemerkte, wieder begonnen, in ihrem Gesicht zu lesen. Verzweifelt schien er darin die Erlaubnis zu suchen, sich weiter zu offenbaren. Alma setzte abermals eine gleichmütige Miene auf, obschon sie in höchstem Maß beunruhigt war. Und so ergriff Ambrose wieder das Wort.
»Ich weiß, dass die heutige Wissenschaft Einwände gegen Böhmes Ideen erhebt«, sagte er. »Ich kann diese Vorbehalte durchaus verstehen. Jacob Böhmes Arbeitsweise widersprach jeder wissenschaftlichen Methodik. Die Strenge systematischen Denkens war ihm fremd. Seine Schriften waren ein Sammelsurium von Eingebungen, versprengt und zersplittert wie die Scherben eines
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