Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
wiederaufnehmen zu können – doch das Gespräch in der Kutsche ließ Alma keine Ruhe. Wenn Ambrose in sein Tun vertieft war – die Skizze einer Orchidee oder die Vorbereitung des Steins für eine Lithographie –, beobachtete sie ihn mitunter und suchte nach Anzeichen für einen kranken Geist. Doch sie fand nichts, was darauf hingedeutet hätte. Falls er unter Wahnvorstellungen oder unheimlichen Halluzinationen litt – oder sich selbige herbeiwünschte –, ließ er nichts davon durchblicken. Es gab keinerlei Hinweise auf eine geistige Störung.
Sooft Ambrose aufsah und ihrem Blick begegnete, lächelte er. Er war so unbekümmert, so sanftmütig und arglos. Dass er beobachtet wurde, schien ihn nicht zu beunruhigen. Er schien nichts verheimlichen zu wollen. Und es hatte auch nicht den Anschein, als bedauerte er, sich Alma geöffnet zu haben. Im Gegenteil, seine Herzlichkeit hatte sogar zugenommen. Er war wohlwollender, hilfsbereiter und aufmunternder denn je. Auf die Ruhe seines Gemüts war stets Verlass. Er zeigte Geduld im Umgang mit Henry, mit Hanneke, mit wem auch immer. Dass er bisweilen erschöpft wirkte, war nicht überraschend, denn er arbeitete hart, genauso wie Alma. Eine gewisse Erschöpfung ließ sich da nicht vermeiden. Ansonsten war er Alma weiterhin ein lieber, treuherziger Freund, nichts hatte sich daran verändert. Im Übrigen konnte Alma keinerlei Neigung zu Frömmelei bei ihm feststellen. Abgesehen von den pflichtschuldigen Kirchgängen, die er sonntags mit ihr absolvierte, sah sie ihn niemals beten. Er schien in jeder Hinsicht ein braver, aufrechter Mann zu sein, mit sich und der Welt im Reinen.
Gleichwohl hatte das in der Kutsche geführte Gespräch Almas Phantasie entfacht. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen und hungerte nach einer plausiblen Antwort auf ihre Frage: War Ambrose Pike verrückt? Und wenn nicht verrückt, was war er dann? Alma hatte Mühe, sich mit der Existenz übernatürlicher Erscheinungen und Wunder anzufreunden, doch es fiel ihr nicht minder schwer, ihren lieben Freund als Irrenhäusler zu betrachten. Was hatte er in der Phase geistiger Verwirrung also gesehen? Alma war dem Göttlichen weder begegnet, noch hatte sie jemals ein Verlangen danach gespürt. Sie hatte ihr ganzes bisheriges Leben dem Verständnis des Realen, der materiellen Welt gewidmet. Als ihr einmal vor langer Zeit unter Einfluss von Äther ein Zahn gezogen wurde, hatte sie Sterne vor ihren Augen tanzen sehen – doch war das, wie sie schon damals wusste, eine normale Wirkung der Droge und nichts, was ihren Aufstieg in den Himmel befördert hätte. Ambrose hingegen hatte bei seinen Visionen nicht unter Einfluss von Äther gestanden. Sein Wahnsinn hatte sich … nun ja, bei klarem Kopf eingestellt.
In den folgenden Wochen erwachte Alma häufig in tiefster Nacht, um sich alsbald hinunter in die Bibliothek zu schleichen, wo sie sich in die Bücher von Jacob Böhme vertiefte. Seit ihrer Jugend hatte sie die Werke des alten deutschen Schuhmachers nicht mehr studiert und versuchte nun, den Texten unvoreingenommen und mit Respekt zu begegnen. Sie wusste, dass auch John Milton Böhme gelesen und dass Newton ihn gar bewundert hatte. Wenn so ausgewiesene Koryphäen Weisheit in seinen Schriften fanden und wenn Böhme einen so außergewöhnlichen Menschen wie Ambrose bis ins Mark getroffen hatte – warum war dann bei Alma nichts dergleichen geschehen?
Doch wie sie die Sache auch drehte und wendete, sie konnte in Böhmes Texten nichts entdecken, was sie in einen Zustand überirdischen Staunens versetzt hätte. In Almas Augen waren sie gespickt mit längst überholten Grundsätzen, undurchsichtig und okkult. Böhme gehörte dem alten Denken an, dem Denken des Mittelalters, in dem Bezoarsteine und Alchemie ihr Unwesen trieben. Er glaubte, dass Edelsteine und Metalle über göttliche Kräfte und Eigenschaften verfügten. In einem Stück Kohl erblickte er das Kreuz Gottes. Alles hienieden war gestaltgewordene Offenbarung der grenzenlosen göttlichen Liebe und Macht. Jedes Stück Natur war ein verbum fiat – ein gesprochenes Wort Gottes, ein fleischgewordenes Wunder. Böhme glaubte, dass Rosen die Liebe nicht symbolisierten, sondern Liebe waren : greifbar gemachte Liebe. Er war ein Apokalyptiker und Utopist. Mit dieser Welt müsse es bald zu Ende gehen, schrieb er; die Menschheit müsse einen paradiesischen Zustand erreichen, in dem sich alle Männer in männliche Jungfrauen verwandeln würden und das Leben Freude
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