Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
Vom Netzwerk:
ist schwer zu sagen. Wie ich bereits berichtet habe, erlitt ich dort Fieberschübe. Das Fieber schwächte mich zwar, doch es war mir durchaus willkommen. Denn im Fieber erlebte ich Momente, in denen ich Gottes imprimatur beinahe wieder zu sehen vermochte, wenn auch nur beinahe. Ich sah, dass auf Blättern und Ranken Gebote und Bestimmungen geschrieben standen. Ich sah, wie sich Äste um mich herum zu verstörenden Botschaften krümmten. Überall sah ich Zeichen, zusammenfließende Linien, doch ich war außerstande, sie zu lesen. Ich hörte Klänge der alten, vertrauten Musik, doch ich konnte sie nicht einfangen. Nichts offenbarte sich. Wenn ich krank daniederlag, war es mir hin und wieder vergönnt, einen kurzen Blick auf die in den Orchideen verborgenen Engel zu erhaschen – doch nie war es mehr als ein Kleidersaum. Und auch das nur bei klarem Licht und vollkommener Stille. All dies reichte mir nicht. Es war nicht das, was ich zuvor gesehen hatte. Wenn man die Engel einmal erblickt hat, Alma, gibt man sich nicht mit einem Kleidersaum zufrieden. Nach achtzehn Jahren wusste ich, dass ich nie wieder Zeuge dessen werden würde, was ich einst gesehen hatte – weder im Fieberdelirium noch in der tiefsten Einsamkeit des Dschungels –, und so kehrte ich heim. Ich vermute jedoch, dass ich mich immer nach etwas anderem sehnen werde.«
    »Was ist es genau, wonach Sie sich sehnen?«, fragte Alma.
    »Reinheit«, antwortete er, »und Zwiesprache.«
    Während Alma all diese Dinge in sich aufnahm, wurde sie von einer großen Traurigkeit erfasst wie auch von der bohrenden Angst, dass sie im Begriff war, etwas Wunderschönes zu verlieren. Sie wusste nicht, wie sie Ambrose Trost spenden sollte, zumal er nicht einmal darum zu bitten schien. War er geistesgestört? Er wirkte nicht geistesgestört. In gewisser Weise sollte sie es vielleicht als Ehre betrachten, dass er ihr diese Geheimnisse anvertraut hatte. Aber was für besorgniserregende Geheimnisse! Was sollte sie damit anfangen? Noch nie hatte sie Engel gesehen oder die verborgenen Farben von Gottes Zorn, und auch ins Feuer hatte sie sich niemals begeben. Sie konnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, was dies eigentlich bedeutete: sich ins Feuer begeben. Wie tat man es? Und warum eigentlich?
    »Was haben Sie nun vor?«, fragte Alma. Während sie diese Worte aussprach, verfluchte sie ihren behäbigen, alles andere als ätherischen Geist, der nur in weltlichen Kategorien denken konnte: Der Mann spricht von Engeln, und du fragst ihn nach seinen Plänen.
    Doch Ambrose lächelte. »Ich wünsche mir ein friedliches Dasein, wenn ich auch nicht davon überzeugt bin, es tatsächlich verdient zu haben. Ich bin dankbar, dass Sie mir einen Ort gegeben haben, wo ich leben kann. Es ist mir eine große Freude, hier zu sein. White Acre ist eine Art Himmel für mich – jedenfalls kommt es dem Himmel so nahe, wie man ihm auf Erden nur sein kann. Ich bin übersättigt von der Welt und wünsche mir Ruhe und Frieden. Ich mag Ihren Vater, der mich nicht zu verurteilen scheint und mir erlaubt, hierzubleiben. Ich bin dankbar, dass ich etwas produzieren kann, denn das gibt mir eine Beschäftigung und erfüllt mich. Und am dankbarsten bin ich für Ihre Gesellschaft. Ich muss gestehen, dass ich mich seit dem Jahre 1828 einsam gefühlt habe – seit mich meine Freunde aus dem Schnee zogen und in die Welt zurückbrachten. Nach allem, was ich gesehen habe und seitdem nicht mehr zu sehen vermag, bin ich immer ein wenig einsam. Ich stelle allerdings fest, dass ich in Ihrer Gesellschaft weniger einsam bin als in anderen Momenten.«
    Alma war den Tränen nahe, als sie diese Worte vernahm. Sie überlegte, was sie antworten sollte. Ambrose war immer so großzügig im Kundtun von Vertraulichkeiten, während sie noch nie etwas Derartiges preisgegeben hatte. Sein Umgang mit Geständnissen war couragiert. Und auch wenn ihr seine Offenbarungen Angst einflößten, fühlte sie sich verpflichtet, ihm seinen Mut in irgendeiner Weise zu vergelten.
    »Auch Sie lindern meine Einsamkeit«, brachte sie schließlich heraus. Es fiel ihr schwer, dieses Geständnis abzulegen. Sie war außerstande, ihn dabei anzusehen, doch wenigstens bebte ihre Stimme nicht.
    »Nie wäre ich auf diesen Gedanken verfallen, liebe Alma«, sagte Ambrose sanft. »Sie wirken immer so unerschütterlich.«
    »Niemand von uns ist unerschütterlich«, erwiderte Alma.
    •
    Sie kehrten nach White Acre zurück, froh, ihren angenehmen, arbeitsamen Alltag

Weitere Kostenlose Bücher