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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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anvertraut haben. Doch mit dem Wunsch, Sie besser zu verstehen, habe ich mir wohl leider zu viel zugemutet.«
    »Was sagen Ihnen diese Bücher über mich?«
    »Nichts«, antwortete Alma. Sie musste lachen, und Ambrose zögerte nicht, sich ihrer Heiterkeit anzuschließen. Alma war sehr erschöpft, und auch Ambrose wirkte ermattet.
    »Warum fragen Sie mich dann nicht selbst?«
    »Weil ich Ihren Unmut nicht erregen möchte.«
    »Sie könnten niemals meinen Unmut erregen.«
    »Es ärgert mich einfach, Ambrose – all die Irrtümer in diesen Büchern. Und ich frage mich, warum diese Irrtümer Sie nicht verärgern. Bei Böhme gibt es derart viele Gedankensprünge, Widersprüche, Verwirrungen. Es ist, als wollte er sich kraft einer Logik, deren Flügel nicht tragen, in den Himmel aufschwingen.« Sie zog das Buch über die Tischplatte zu sich hin und schlug es auf. »Hier, nehmen wir zum Beispiel dieses Kapitel, da versucht er, den in der Bibel genannten Pflanzen einen Schlüssel zu Gottes Geheimnissen zu entlocken. Was soll man damit anfangen, wenn die Fakten schlechterdings unzutreffend sind? Er verwendet ein ganzes Kapitel darauf, die ›Lilien auf dem Felde‹ zu deuten, die im Matthäusevangelium Erwähnung finden. Er nimmt jede Silbe, jeden Buchstaben des Wortes ›Lilien‹ unter die Lupe, als ließe sich darin eine Offenbarung finden … Doch bedauerlicherweise handelt es sich bei den ›Lilien auf dem Felde‹ ganz eindeutig um eine Fehlübersetzung. Christus kann in seiner Bergpredigt nicht von Lilien gesprochen haben. Es gibt in Palästina nur zwei heimische Lilienarten, von denen die eine so selten ist wie die andere. Sie hätten niemals in solcher Fülle geblüht, dass sie eine ganze Wiese bedeckt hätten. Zudem wären sie dem einfachen Volk nicht geläufig gewesen. Aufgrund dessen ist es sehr viel naheliegender, dass Christus, der seine Predigten stets einer größtmöglichen Hörerschaft verständlich machen wollte, für diese Metapher eine bekanntere Blume ausgewählt hätte. Möglicherweise hätte er von den Windröschen auf dem Felde gesprochen – vermutlich der Anemone coronaria –, wobei wir dies natürlich nicht mit Gewissheit behaupten können …«
    Alma verstummte. Was sie sagte, klang oberlehrerhaft und lächerlich.
    Tatsächlich lachte Ambrose auf. »Welch eine Dichterin Sie doch sind, Alma! Wie gern würde ich Ihre Übersetzung der Heiligen Schrift lesen: ›Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht – gleichwohl es sich höchstwahrscheinlich nicht um Lilien handelt, sondern vermutlich eher um die Anemone coronaria , wobei wir dies natürlich nicht mit Gewissheit behaupten können, jedoch ungeachtet dessen davon ausgehen dürfen, dass sie nicht arbeiten und auch nicht spinnen.‹ Welch klangvoller Lobgesang! Wie gern möchte man ihn aus den Kehlen einer zum Gottesdienst versammelten Gemeinde hören. Und nun sagen Sie mir, Alma, wo wir gerade beim Thema sind, was machen Sie mit den Weiden von Babel, an welche die Israeliten ihre Harfen hängten und weinten?«
    »Jetzt verspotten Sie mich«, entgegnete Alma, in ihrem Stolz gekränkt. »Aber in Anbetracht der Gegend vermute ich, dass es wohl Pappeln waren.«
    »Und der Apfel von Adam und Eva?«, bohrte Ambrose weiter.
    So töricht sie sich dabei vorkam, der Drang, eine Antwort zu geben, war zu groß: »Es handelte sich entweder um eine Aprikose oder eine Quitte. Wobei die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es sich um eine Aprikose handelte«, dozierte sie, »da Quitten nicht so süß sind, als dass sie das Interesse einer jungen Frau geweckt hätten. Jedenfalls kann es kein Apfel gewesen sein. Im Heiligen Land gab es keine Äpfel, Ambrose, und der Baum im Garten Eden wird häufig als schattenspendendes Gewächs mit silbrigen Blättern beschrieben, eine Darstellung, die auf die meisten Aprikosenarten zutrifft. Wenn Jacob Böhme also von Äpfeln spricht, von Gott und dem Garten Eden …«
    Sie hielt inne, denn Ambrose war in so heftiges Gelächter ausgebrochen, dass er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste. »Meine liebe Miss Whittaker«, sagte er in einem Ton, der kaum zärtlicher hätte sein können, »Ihr Denkvermögen gibt wahrlich immer wieder Anlass zum Staunen. Ein so gefährliches Räsonnement war im Übrigen genau das, was Gott befürchtet hatte, sollte jemals eine Frau vom Baum der Erkenntnis essen. Sie sind ein abschreckendes Beispiel für das weibliche Geschlecht! Sie

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