Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
müssen dieser Intelligenz unverzüglich Einhalt gebieten und zur Mandoline greifen, zu einer Handarbeit oder einer wie auch immer gearteten nutzlosen Tätigkeit!«
»Sie finden mich lächerlich«, stellte Alma fest.
»Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich finde Sie bemerkenswert. Es rührt mich, wie sehr Sie um das Verständnis meiner Person ringen. Gibt es in puncto Freundschaft einen größeren Beweis der Zuneigung? Was mich indessen am meisten rührt, ist die Tatsache, dass Sie mit den Mitteln rationalen Denkens etwas zu verstehen suchen, das sich jedem rationalen Verständnis entzieht. Sie werden keine exakten Grundprinzipien finden. Das Göttliche ist unfassbar, unergründlich – es liegt außerhalb der Welt, wie wir sie erfahren. Und genau hierin unterscheiden wir uns, liebste Alma: Ich möchte mich von Flügeln getragen zur Offenbarung aufschwingen, während Sie unverdrossen zu Fuß voranmarschieren, mit dem Vergrößerungsglas in der Hand. Ich bin, was das Wandern betrifft, ein Stümper, der lieber in den Lüften nach Gott Ausschau hält und nach neuen Erkenntniswegen sucht. Sie stehen auf festem Grund und untersuchen Stück für Stück, was greifbar vor Ihnen liegt. Ihre Vorgehensweise ist rationaler, methodischer, doch ich kann die meine nicht ändern.«
»Ja, meine Leidenschaft, Dinge zu verstehen, ist schrecklich«, räumte Alma ein.
»Eine Leidenschaft ist es wahrhaftig, doch schrecklich ist sie nicht«, entgegnete Ambrose. »Sie ist die natürliche Reaktion eines jeden, der mit einem so klaren, präzisen Geist wie dem Ihren das Licht der Welt erblickt. Bei mir verhält es sich anders: Wenn ich die Welt nur mit Hilfe des Verstandes wahrzunehmen suche, ist es, als tastete ich im Dunkeln mit dick vermummten Händen nach Gottes Gesicht. Das Studieren, Darstellen und Beschreiben reicht nicht aus. Ab und an muss man auch … einen Sprung wagen.«
»Hin zu welchem Gott? Das zu begreifen, ist mir schlechterdings unmöglich«, entgegnete Alma.
»Müssen Sie es denn begreifen?«
»Ja, weil ich Sie besser kennen möchte, Ambrose.«
»Dann fragen Sie mich direkt, Alma. Suchen Sie nicht in diesen Büchern nach mir. Hier bin ich, und ich werde Ihnen alles über mich sagen, was Sie wünschen.«
Energisch klappte Alma den dicken Wälzer zu, der vor ihr lag. So energisch, dass ihm ein ungutes, dumpfes Geräusch entwich. Dann rückte sie ihren Stuhl zu Ambrose hin, faltete die Hände im Schoß und sagte: »Was ich nicht zu begreifen vermag, ist Ihre Deutung der Natur. Das wiederum erweckt eine gewisse Sorge in mir, was Ihren Geisteszustand betrifft, Ambrose. Ich begreife nicht, wie Sie es fertigbringen, sich über die Widersprüche und Torheiten hinwegzusetzen, von denen diese alten, obskuren Theorien geradezu wimmeln. Sie mutmaßen, dass Ihr Gott ein gütiger Botaniker sei, der zum Wohle der Menschheit in jeder Pflanzenart auf Erden verborgene Hinweise hinterlegt habe – ich sehe jedoch keine stichhaltigen Beweise für diese Theorie. In unserer Welt existieren Pflanzen, die uns vergiften, und solche, die uns heilen, in gleicher Zahl. Warum etwa schenkt uns der Botanikergott die Lavendelheide oder den Liguster, wenn sie doch unsere Pferde und Kühe töten? Welche Offenbarung soll sich in diesen Gewächsen verbergen?«
»Aber warum sollte unser Herr kein Botaniker sein?«, beharrte Ambrose. »In welchem Berufszweig sähen Sie Ihren Gott lieber?«
Alma dachte ernsthaft über die Frage nach. »Vielleicht sähe ich ihn lieber als Mathematiker«, entschied sie. »Als jemanden, der grübelt und verwirft, zu Papier bringt und wieder ausradiert. Als jemanden, der zusammenzählt und abzieht, multipliziert und teilt, mit Theorien und neuen Gedankenfolgen spielt. Fehler korrigiert. Diese Vorstellung erscheint mir vernünftiger.«
»Aber die Mathematiker, Alma, deren Bekanntschaft ich machen durfte, sind nicht gerade von mitfühlendem Gemüt und auch dem Leben nicht eben zugetan.«
»Das ist es ja gerade«, entgegnete Alma. »Es würde das Leiden der Menschheit erklären und die Zufälligkeiten, denen unser Schicksal unterliegt – schließlich wären wir die Bausteine, die Gott als Mathematiker zusammenzählt und abzieht, teilt oder ausradiert.«
»Welch düstere Sicht der Dinge! Ich wünschte, Ihr Blick auf das Leben wäre nicht gar so freudlos, Alma. Alles in allem kann ich in dieser Welt immer noch mehr Wunder als Leid erkennen.«
»Ich weiß«, antwortete Alma. »Und deshalb sorge ich mich um Sie. Sie sind ein
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