Delhi Love Story
bohrten sich wie Messer in meine Fußballen. Aber im Vergleich zu dem Schmerz, den mir der Gedanke an Papas Perlen verursachte, war das noch harmlos.
Kunal biegt in eine schmale Straße ein. Laternen weisen den Weg zu einem dunklen Parkplatz. Aus dem Nichts taucht ein Angestellter auf, der das Auto zwischen einem Mercedes und einem Lexus parkt. Kunal gibt ihm einen 100-Rupien-Schein. Der Angestellte reicht ihm eine Laterne. Mit ihrer Hilfe finden wir über einen unebenen Pfad den Eingang zu einem dunklen Gebäude. »Pass auf!«, warnt Kunal, als mein Absatz zwischen zwei Pflastersteinen hängen bleibt. »Dass das so schlecht gemacht ist, gehört hier zum Ambiente.«
Als wir an den grimmig dreinblickenden Türstehern vorbeigehen, drücke ich mich enger an ihn. Ich bin sicher, dass sie trotz des Make-ups mein Alter auf den Monat genau schätzen können. Aber es scheint ihnen egal zu sein. Als Kunal seinen Namen und die Reservierungsnummer nennt, hält einer der beiden – der mit dem Schnauzer – uns die Tür aus Bambusstangen auf. Pulsierende Musik empfängt uns, die Luft ist rauchig, alles wirkt surreal.
Kunal hat recht: Hier sieht es aus wie in einem Dorf. Die Gäste sollen in die Zeit vor der Erfindung der Elektrizität
zurückversetzt werden. Es gibt kein elektrisches Licht, nur große, flackernde Kerosinlampen. Statt Tischen und Stühlen gibt es hier Korbhocker, zwischen denen Jutematten auf dem schlammigen Boden liegen. Auf den Matten hängen Grüppchen herum: Frauen in knapper Kleidung, Männer in Kurtas ; die Leute haben dunkle Ringe unter den Augen, manche haben ein Doppelkinn. Alle sehen älter, reich und verkommen aus. Ich gebe mir Mühe, nicht eingeschüchtert zu sein.
In der hinteren linken Ecke des Raums steht auf einer Plattform, die von Scheinwerfern angestrahlt wird, ein Mann mit Turban und Kopfhörern. Das muss der berühmte Kaycee sein. Hinter den hüfthohen Strohwänden ist seine Ausrüstung kaum erkennbar. Er hat rauchige, sinnliche Musik aufgelegt, eine dünne Frauenstimme singt provozierend langsam. Auf den Jutematten um ihn herum bewegen sich die Leute im Takt. Ich blicke über ihre Köpfe hinweg und erkenne in der rechten Ecke des großen Raums eine Art gigantischen Dorfbrunnen. Die halbrunde Mauer aus Ziegeln und Schlamm ist absichtlich unregelmäßig gestaltet. Dahinter stehen süße Typen in Kurtas und Turbanen und schenken Cocktails in großen Stahlbechern aus. Hoch über ihren Köpfen hängt ein Stahleimer, der mit teuren Getränken gefüllt ist. Ich lasse meinen Blick schweifen.
»Das ist ja eine echte Ziege!«, staune ich.
Kunal betrachtet das arme Tier, das an einen Pflock gebunden ist und vergammeltes Stroh kaut. Er grinst. »Ich habe doch gesagt, dass es hier authentisch ist.«
Authentisch. Es riecht übertrieben stark nach Rosen.
An der Wand hängt ein schrecklich hässliches Mosaik aus Tausenden Spiegelscherben. Weiter vorne steht eine kleine Hütte aus einem Material, das Dung simulieren soll. Die gesamte Innenausstattung ist klug und sorgfältig zusammengestellt. Dennoch weiß ich, obwohl ich noch nie in einem indischen Dorf war, dass das hier nichts mit der Realität zu tun hat.
Ein Angestellter führt uns durch die Menschenmengen. Die Männer sehen aus wie 30, 40 oder 55. Sie haben rote Augen, die mir folgen; ihre Blicke brennen sich in meine nackten Beine. Ich wünschte, unser mit einem transparenten Vorhang vor unliebsamen Blicken geschützter Tisch wäre nicht so weit hinten im Raum. »Hier, bitte«, sagt der Angestellte mit ausdrucksloser Stimme zu Kunal, bevor er sich diskret entfernt.
Als Kunal den Vorhang zurückzieht, versuche ich, meine Überraschung zu verbergen. Auf den großen Kissen um den niedrigen Tisch liegen verschiedene Leute, die ich nie zuvor gesehen habe. Ich hatte nicht erwartet, dass Kunals Freunde so viel älter sind und so … anders. Viel zu abgehoben. Ich erinnere mich an Keds’ missbilligende Einschätzung und verdränge sie gleich wieder. Trotzdem bleibt ein komisches Gefühl zurück.
Der Mann, auf dessen Schoß eine Frau mit großen Brüsten sitzt, sieht aus, als sei er in Mas Alter. Ein knutschendes Paar macht einfach weiter und nimmt keinerlei Notiz von uns. Ein Typ zieht mit geschlossenen Augen an einem silbernen Mundstück, von dem ein Schlauch zu einer Wasserpfeife führt.
»Rutsch rüber, Chaddha«, sagt Kunal.
Der Typ öffnet seine Augen einen Spalt und macht uns Platz. »Kunal, Mann, wieso hast du so lange gebraucht?«
»Das
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