Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)
und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele Schüsse krachten.
Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.
Da trat Ali Bey zu mir.
»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der Freundschaft der Badinan versichern.«
»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«
»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher wie möglich gehen muß. Komm!«
Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.
Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems) gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von Gott!«
Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen Kotschers. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen Steinen hingen ihnen um den Nacken.
Wandernde Stämme.
Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen hatten.
Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.
Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien, aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku. Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem Fremden – es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier zusammentrafen.
Jetzt krachte
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