Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
konnte.
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Wendell »Chip« McAvoy stand an der Kühltheke und wog eine ziemlich große Portion von in Honig eingelegtem Truthahn in Scheiben für Mrs. Tassenbaum ab, und bis die Glocke über der Ladentür bimmelte und Chips Leben noch einmal auf den Kopf stellte (Du hast einen Kopfstand gemacht, sagten die Oldtimer früher, wenn man sich mit dem Auto überschlug), hatten sie über die starke Zunahme von Jetbooten auf dem Keywadin Pond diskutiert … oder vielmehr hatte Mrs. Tassenbaum darüber gesprochen.
Chip hielt Mrs. T. mehr oder weniger für einen typischen Sommergast: reich wie Krösus (oder zumindest ihr Mann, dem eine dieser neuen Dot-Com-Firmen gehörte), schwatzhaft wie ein von Whiskey betrunkener Papagei und verrückt wie Howard Hughes auf einem Morphiumtrip. Sie konnte sich einen Kabinenkreuzer leisten (und zwei Dutzend Jetboote, die ihn zogen, wenn sie sich das einbildete), aber zu seinem kleinen Supermarkt an diesem Ende des Sees kam sie in einem verkratzten alten Ruderboot, das sie ziemlich genau dort vertäute, wo John Cullum bis zu »Jenem Tag« seines vertäut hatte (als die Jahre seine Geschichte zu immer größerer Reinheit destilliert, sie wie ein häufig poliertes Mahagonimöbel auf Hochglanz gebracht hatten, hatte Chip sich mehr und mehr angewöhnt, die Großschreibung durch entsprechende Betonung auszudrücken, indem er von »Jenem Tag« in demselben ehrfürchtigen Ton sprach wie Reverend Conveigh von Unserem Herrn). Die Tassenbaum war geschwätzig, aufdringlich, gut aussehend (doch, doch, durchaus … wenn Make-up und Haarspray einen nicht störten), stinkreich und Republikanerin. Unter diesen Umständen fühlte Chip McAvoy sich völlig berechtigt, heimlich den Daumen auf eine Ecke der Waagschale zu legen … ein Trick, den er von seinem Vater gelernt hatte, der ihm erklärt hatte, es sei praktisch seine Pflicht, Leute von auswärts zu beschummeln, wenn die sich’s leisten konnten, aber man dürfe niemals Einheimische beschummeln, nicht mal wenn sie so reich waren wie dieser Schriftsteller King drüben in Lovell. Warum? Weil solche Dinge sich herumsprachen, und ehe man sich’s versah, war man ganz auf Kunden von auswärts angewiesen, und versuch das mal im Februar, wenn die Schneeverwehungen an der Route über zweieinhalb Meter hoch sind. Jetzt war jedoch nicht Februar, und Mrs. Tassenbaum – eine Tochter Abrahams, wenn er je eine gesehen hatte – war nicht von hier. Nein, Mrs. Tassenbaum und ihr stinkreicher Dot-Com-Ehemann würden nach New York zurückkehren, sobald sie das erste bunte Herbstblatt fallen sahen. Deshalb empfand er auch keinerlei Unrechtsbewusstsein, als er ihre Truthahnportion für sechs Dollar mit dem Daumenballen an der Waage in eine für sieben Dollar achtzig verwandelte. Es schadete auch nichts, ihr zuzustimmen, als sie nun das Thema wechselte und darüber klagte, was für ein schrecklicher Mann dieser Bill Clinton doch sei, obwohl Chip in Wirklichkeit Bubba beide Male gewählt hatte und auch ein drittes Mal für ihn gestimmt hätte, wenn die Verfassung eine dritte Amtszeit zugelassen hätte. Bubba war clever, er verstand sich darauf, die Kameltreiber dazu zu bringen, das zu tun, was er wollte, er hatte den kleinen Mann nicht völlig vergessen, und er bekam mehr Muschis zu sehen als eine Klobrille, mein lieber Scholli!
»Und jetzt glaubt Gore, er könnte … in seinem Kielwasser ins Amt rauschen!«, sagte Mrs. Tassenbaum, während sie nach ihrer Geldbörse angelte (das Fleisch auf der Waage wurde auf wundersame Weise noch einmal etwas schwerer, und Chip hielt es für ratsam, dieses Gewicht zu speichern). »Er behauptet, das Internet erfunden zu haben. Ha! Ich weiß es besser! Ich kenne nämlich den Mann, der das Internet wirklich erfunden hat!« Sie sah auf (Chips Daumen war jetzt nirgends in der Nähe der Waage zu sehen, in dieser Beziehung hatte er einen Instinkt, der Teufel sollte ihn holen, wenn er da keinen hatte) und bedachte Chip mit einem schelmischen kleinen Lächeln. Sie senkte die Stimme auf eine vertrauliche Unter-uns-Tonhöhe. »Wie auch nicht, schließlich schlafe ich seit fast zwanzig Jahren im selben Bett mit ihm!«
Chip lachte herzlich, nahm den aufgeschnittenen Truthahn von der Waage und legte ihn auf ein Stück weißes Einwickelpapier. Er war froh, dass das Thema Jetboote abgeschlossen war, er hatte sich bei Viking Motors (»The Boys with the Toys«) drüben in Oxford neulich selbst eines bestellt.
»Ich weiß, was Sie meinen!
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