Der eiserne Gustav
gesperrt, weil er vier Goldstücke verjubelt hatte bei Weibern … Jetzt saß der Sohn vor den Augen des Vaters zwischen zwei Weibern, die eine hatte ihm den weißen Arm um die Schulter gelegt; es waren Lokalmädchen, der Alte sah es, aus irgendeiner Bar mitgeschleppt …
Und all das wehte in einem Augenblick vorüber, in einem
Augenblick
– in einem Augenblick wehte bei Vater und Sohn die Vergangenheit vorüber, neun Jahre waren verflossen, seit sie sich zum letzten Male gesehen hatten, und nun sahen sie sich wieder. Es wehte vorbei, das Leben wirbelte, ein Herbstwind riß die letzten bunten Blätter von den Ästen. Es war alles vorbei, alles verwelkt und tot. Ja, es war ein
Augenblick
, in dem beide erkannten, alles war unwiederbringlich vorbei – und die Gäste hatten kaum das Verstummen des flotten Erich Hackendahl gemerkt.
Da knarrte der Alte schon los: »Na wat denn, junger Mann, wat denn? Wat haste denn mit de Droschkenkutscher?! Hast wohl frieher for Mutters Laubenjarten die Pferdeäppel von de Straße sammeln müssen, wat? Und hast davon ’nen Rochus uff de Droschkenkutscher? Na, laß man, Mensch, heute riechste dafür det Benzin von de Autos uff. Et is allens eene Wichse, bloß du merkst et nich!«
Zu antworten brauchte Erich nicht, denn seine Freunde lachten beifällig zu den Sticheleien des alten Kutschers, und die Mädchen aus der »Maxim-Bar«, die natürlich schon vom eisernen Gustav gehört hatten, beeilten sich, ihre Herren flüsternd über die wirkliche Stellung dieses Originals zu belehren. Dünn hatte nur der dunkle, bräunliche, sehr fette Herr gelächelt, der einzige aus der Gesellschaft, der noch leidlich nüchtern schien: Der alte Gönner und Freund von Erich wußte wahrscheinlich, daß die Antipathie Erichs gegen Droschkenkutscher nicht bloß eine betrunkene Laune war …
Aber auch dem scharfsinnigen Anwalt, dem erfahrenen Reichstagsabgeordneten war das Zusammenschrecken Erichs entgangen. Auch er ahnte nicht, daß sich hier Vater und Sohn am Tisch gegenübersaßen; unverstanden von allen ging der Kampf zwischen den beiden weiter …
Die Sektkelche waren vollgeschenkt, nach der lieben Gewohnheit der Inflationslokale hatten die Kellner zu den am Tisch geleerten Flaschen ein paar bereitgehaltene leere da– zugemogelt, um die Schlußrechnung ein wenig zu ihren Gunsten zu erhöhen. In fünfundneunzig von hundert Fällen gelang der Nepp …
Die Gläser klangen aneinander, die Mädchen lachten hell auf, während sie schon das Glas zum Munde führten, denn der untersetzte Herr im Smoking mit dem Einglas im Auge und den Schmissen auf dem Bulldoggengesicht hatte mit der Sektflasche gegen den Rand des Kühlers geklopft. Die Blüte des erfolgreichen geschäftlichen Berlin begann die Feier der Ruhrbesetzung, und der Herr im Smoking sprach: »Jenossen! Werte Damen! Hochverehrter Herr Droschkenkutscher! Auf das, was wir sind: nämlich jung!«
Sie tranken.
»Auf das, was wir lieben – nämlich das jute Leben mit allem, was dazugehört!« Und er kniff sein Mädchen in den weißen Nacken, daß es leise aufkreischte.
Sie tranken wiederum.
»Auf das, was wir wünschen – nämlich, daß die verdammte Rechtsregierung Cuno von der Ruhr die Ruhr kriegt und wir wieder drankommen! Und das recht bald!«
Sie tranken lachend, nur der Herr Anwalt lächelte dünn – er liebte so etwas in öffentlichen Lokalen nicht sehr.
»Und nun«, der Herr mit dem Monokel setzte sich, »geben Sie mal einen Schwank aus Ihrem Leben zum besten, verehrter Rosselenker. Sie müssen doch schon ’ne Masse erlebt haben!«
»Hab ick«, bestätigte Gustav Hackendahl. »Nur weeßte, wenn ick mit so jebildete Jenossen umjehe, mit Monokel, und det Jeld jleich uff den Tisch jeballert wie der junge Mann da, det alle Kellner jleich de Bleistifte spitzen, det se ooch jenuch uffschreiben – ick weeß nich, es friert mir jleich vor lauter Hochachtung die Schnauze in, und ick oller Dussel zerbreche mir bloß immer festeweg meine Birne, wieso ihr Brüder ewig die dicke Marie vadient, und ick habe for Muttern nich det Fett for de Stulle …«
»Sauf nich so ville, olles Loch!«
»Wenn ick det so sehe«, sprach der alte Hackendahl und wies mit dem Finger auf den jungen Hackendahl, der mit unruhigen Augen mal auf den Vater sah und gleich wieder fortschaute … »Det is doch noch’n junger Mensch, ick frage mir, wie macht der det? Natürlich, er is’n jebildeter junger Mann, aber mit de Bildung vadient man heute keen Jeld! Ick frage
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