Der eiserne Gustav
nicht bloß geschämt, nein, es war etwas viel Schlimmeres gewesen, der Vater ging ihn weniger an als das Frauenzimmer, bei dem er saß, als der Kellner, der ihm die leeren Sektflaschen unter den Tisch mogelte. Mit denen konnte er reden, mit dem Vater hatte er nicht mehr ein Sterbenswörtchen im ganzen Leben zu reden!
Das war unmenschlich! Das war Vatermord! So ein Stück hatten sie eine lange Zeit im Theater gespielt, der Vater erinnerte sich wohl, es an den Säulen gelesen zu haben, wenn er mit seiner Droschke am Halteplatz hielt. Und zu so einem Stück, zu einem so gemeinen Stück hatten sie die Erde gemacht – man mußte lachen vor lauter Jammer!
Der alte Gustav Hackendahl hat seinem Rappen Blücher die Pferdedecke abgenommen und hat gar nicht gemerkt in seinen Gedanken, daß der Rappe sich sehr erstaunt nach ihmumgesehen hat. Denn das ist der Rappe nicht gewöhnt, daß der Herr um diese Stunde allein auf den Bock steigt – wo bleiben die Gäste, mit denen man Krebs zu gehen hat? Aber der Kutscher steigt allein auf den Bock, er schnalzt mit der Zunge, und der Rappe zieht an …
Die Straßen sind noch immer voll von Menschen, wenn es sich auch schon ein wenig gelichtet hat. Unermüdlich mahnen die Polizeipatrouillen die Leute weiterzugehen. Aber diese Leute sind eben Berliner, sie bleiben vor dem Schild eines jeden Nachtlokals stehen und starren. Die Schilder sind dunkel, die Nachtlokale sind geschlossen, nicht das geringste gibt es zu starren. Aber die Berliner hoffen und harren, daß irgendwas passiert.
Und nun passiert wirklich etwas. Als Gustav Hackendahl mit seiner Droschke die Friedrichstraße überqueren will und im Gedränge der Bummler eine Lücke sieht, in die er sich gut schieben kann, da sagt er in seinen tiefen Gedanken zum Rappen: »Hüa!«
Und der Rappe Blücher, der seine Lektion gelernt hat und dem seine Lektion Spaß macht, geht vorne ein wenig, aber mit Maßen hoch, um das Gewicht der nachdrückenden Droschke zu halten, und fängt nun an, rückwärts zu drücken, rückwärts zu schieben, Krebs zu gehen …
Die Näherstehenden schreien auf und flüchten. Die Ferneren lachen und drängen hinzu. Die Autos tuten wütend. Der Kutscher hoch oben schwingt die Peitsche, klatscht mit der Leine auf die Hinterhand seines Gaules und schreit: »Los – los, vorwärts! Wat is dir? Los, sag ick!«
Aber der Rappe denkt nicht an »Los« und »Vorwärts«, er will sein Stückchen spielen, und gegen ein widerborstiges, rückwärts gehendes Pferd hat der Kutscher oben auf seiner Droschke einen schweren Stand. Er kann die Bremse anziehen, er kann mit der Peitsche hauen, aber wenn der Gaul rückwärts gehen will, kann er ihn nicht daran hindern.
Nun kommen auch noch die hilfsbereiten Berliner dazu. Sie wollen den Gaul beim Kopfe nehmen, und der Gaul, derdies wohl versteht, steigt vorne hoch, drückt mit aller Gewalt nach hinten – und bums! legt er sich nieder, mitten auf der Kreuzung Friedrichstraße und Leipziger Strafte, im tollsten Verkehr, der sich in einer einzigen Minute unlösbar, scheint es, verknäult hat …
»Du Aas!« spricht Hackendahl zu seinem ruhenden Roß. »Na warte, wenn ick dir erst unter vier Oojen habe!«
Aber dazu kommt es noch nicht. Ein paar zornige Polizisten bahnen sich den Weg durch die Menge, und einer, ein ganz junger, hat schon das dicke Notizbuch aus der Tasche gezogen und schreitet zur Amtshandlung, indem er wütend sagt: »Nun ist es aber zappenduster mit Ihnen! Wir haben schon lange ein Auge auf Sie gehabt, aber bisher haben wir es immer zugedrückt, weil wir gedacht haben, in diesen lausigen Zeiten soll jeder sehen, wie er seine paar Groschen verdient. Wir müssen ja auch nicht alles sehen bei einem alten Mann …«
»Du Aas!« sagt der alte Hackendahl und knufft seinem Gaul in die Rippen. Denn der macht trotz Polizei und schaulüsterner Menge noch immer keine Anstalten aufzustehen. »Ick schinde dir die Haut lebendig von de Rippen …«
»Aber daß Sie das nun hier im tollsten Verkehr mitten auf der Friedrichstraße anrichten – wer soll denn das wieder auseinanderkriegen?! Los, machen Sie, daß Sie Ihren Schinder wieder auf die Beine stellen – so’n oller Mann, ollster Droschkenkutscher von Berlin, und macht so’n Kokelores!«
Es ist doch was Gutes um ein bißchen Popularität. Der Wachtmeister war blutjung, sicher noch nicht lange im Dienst, recht unbenutzt und recht scharf … Als er da herangestürzt war, kochend vor Wut über den Idioten, der ihnen
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