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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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ihrer Betrunkenheit kitzeln, und wenn dann die Gemeinheit in ihnen hervorkam, dann würde er denken: Ick habe jar nischt Besonderet erlebt. Wie meine Kinder sind se alle. Alle uff dieselbe Brotschaufel abjebacken, alle die eene Seite roh und die andere vabrannt, und alle mit demselben Klitschstreifen mittenmang durch!
    So hatte er es sich ausgedacht, als vom Alkohol des irischen Amerikaners seine Phantasie entzündet war. Und wenn er auch das meiste davon später wieder vergessen hatte, als bezahlter Spaßmacher fühlte sich der eiserne Gustav nie. Er grinste über den Spaß, den ihm die anderen machten. Er konnte gut und viel grinsen, denn das Geschäft ging besser als erwartet. Selten war der Tisch des Original-Berliner-Pferdedroschkenkutschers leer – und der eiserne Gustav wurde sogar eineArt Berühmtheit im Berliner Nachtleben, als er erst seinen Rappen dressiert hatte …
    Es stellte sich nämlich heraus, daß seine angetrunkenen Tischfreunde durchaus von ihm in das nächste Lokal gefahren werden wollten (der »Grobe Gustav« war ein Lauf-, kein Sitzlokal), und wenn er die Rolle des Droschkenkutschers weiterspielen wollte, so mußte er seine Freunde eben fahren. Damit aber war wieder der Wirt nicht einverstanden, denn eine halbe oder gar eine ganze Stunde blieb dann der große runde Tisch ohne seinen Hauptanziehungspunkt, und eine Stunde zählt viel in einem Lokal, das eigentlich nur sechs Stunden lang wirklichen Verkehr hat …
    Da hatte der eiserne Gustav wiederum eine Idee. Er dressierte den Rappen, und der Rappe ging von Stund an auf den Hüa-Ruf seines Herrn keinen Schritt vorwärts, sondern fing an, in seiner Gabel beängstigend rückwärts zu gehen wie ein Krebs und die Droschke gegen Bordschwelle und Laternenpfähle zu drängen. Je lauter der Kutscher »Hüa!« rief, je fester er mit der Peitsche knallte, um so ungebärdiger wurde der Rappe, bis er sich schließlich auf den Asphalt legte.
    Es half den Gästen alles nichts, sie mußten aussteigen und sehen, auf andere Weise in das nächste Lokal zu kommen, was sie auch stets mit dem größten Vergnügen taten. Ja, meistens wurde der eiserne Gustav für die ihm entgangene Fuhre reichlich entschädigt. So war allen geholfen: dem Wirt, den Gästen, dem Kutscher – und es ist anzunehmen, daß auch der Rappe, der nur noch Blücher hieß, seinen Spaß an der Sache hatte.
    Heinz hatte ganz recht, die Mutter zu trösten: In Trinkergefahr kam der eiserne Gustav trotz seiner nächtlichen stundenlangen Lokalsitzerei nicht. Und das Geschäft brachte wenigstens Geld ins Haus: ganz so schlottrig saßen schon nach kurzer Zeit der Mutter die Kleider nicht mehr auf dem Leib.
    Und doch hatte Heinz unrecht: Für den eisernen Gustav war es doch gefährlich. Der Mann war einmal ein Mann gewesen,wohl mit einem engen Gesichtskreis, aber er war ein rechtlicher Mann gewesen, mit einem Ideal, nach dem er gelebt hatte. Vielleicht falsch, aber doch ohne Bruch, einem Ideal, das durch die Begriffe Arbeit, Ehrlichkeit, Pflicht erfüllt wurde.
    Nun wurde er alle Tage immer mehr zu einem Spötter, einem Etwas, das nichts mehr zu tun hatte, als zu spotten. Gewiß, so gottverlassen war er nicht, daß er seine Pflichten völlig vernachlässigte. Er sorgte immer für die alte Mutter daheim. Die Stimmung mochte noch so munter sein, er stand alle halben Stunden auf und sah nach, ob der Rappe seine Decke auch noch richtig auf den Nieren liegen hatte, er fütterte und tränkte, wie es sich gehörte …
    Aber er tat das alles mehr aus Gewohnheit als aus Pflichtgefühl. Er hatte keine einzige Aufgabe in der Welt. Seine Welt war zerschlagen. Stück für Stück, nichts war heil geblieben. Vor zehn Jahren hätte er noch geschaudert vor einem solchen leeren Kneipen-und Spötterleben. Er hätte es gar nicht führen können, er wäre unfähig gewesen, seine Gäste zu unterhalten. Jetzt konnte er es.
    Das gerade war es, was er und die anderen an ihm eisern nannten. Seine Beharrlichkeit, daß er zum Beispiel immer noch Pferdedroschke fuhr, trotzdem jeder Mensch einsehen mußte, die Zeit der Pferdedroschken war für ewig vorbei. Aber das hieß nicht eisern, das hieß alt; wenn er jünger gewesen wäre, hätte er längst hinter dem Steuer einer Autotaxe gesessen. Es schien auch eisern zu sein, daß er nie seinen Kindern nachlief, die Enkel nicht sehen wollte … Aber auch das war nicht eisern, wiederum war es das Alter. Ein junger Mensch steht nach einem Sturz auf und versucht es von neuem, Gustav

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