Der Schatten erhebt sich
sagte Tomada. »Aber wir müssen noch drei weitere Städte besuchen, bevor unsere Runde geschafft ist.« »Natürlich. Ihr habt noch Arbeit zu verrichten. Das bleibt Euch wenigstens.« Der Soldat sah sich wieder um. »Es gibt immer noch Trollocs. Obwohl die Verlorenen gefangen sind, bleiben noch die Trollocs. Und die Nachtreiter.« Er nickte vor sich hin und ging zurück zu den Jo-Mobilen.
Tomada zeigte natürlich weiter keine Erregung, aber Coumin war genauso überwältigt wie der junge Soldat. Der Krieg war vorüber? Wie würde die Welt ohne Krieg aussehen? Mit einemmal mußte er unbedingt mit Charn sprechen.
Bevor er noch die Stadt erreichte, hörte er bereits den Lärm der Feiern. Gelächter und Gesang schlugen ihm entgegen. Die Glocken im Rathausturm begannen jubilierend zu läuten. Die Menschen tanzten auf den Straßen - Männer, Frauen und Kinder. Coumin schob sich suchend zwischen ihnen durch. Charn hatte sich entschlossen, in einer der Schenken zu bleiben, wo die Aiel hier wohnten, anstatt mit zum Besingen zu kommen. Selbst die Aes Sedai konnten nicht mehr viel gegen die Schmerzen in seinen altersgeschwächten Knien unternehmen. Aber sicher war er jetzt auch draußen auf der Straße.
Plötzlich knallte etwas auf Coumins Mund und seine Beine gaben nach. Er rappelte sich auf die Knie hoch, bevor ihm überhaupt klar war, daß er am Boden lag. Die Hand, die er an den Mund hob, war blutig. Er blickte sich um und sah einen der Stadtbewohner, der sich mit wutverzerrtem Gesicht über ihn beugte und seine Faust rieb. »Warum habt ihr das getan?« fragte er ihn mühsam.
Der Mann fauchte ihn an: »Die Verlorenen sind tot. Tot, hörst du? Lanfear wird Euch nicht mehr beschützen. Wir werden alle von Euch ausrotten, die den Verlorenen dienten, während sie vorgaben, auf unserer Seite zu stehen. Wir werden mit Euch allen machen, was wir mit diesem verrückten alten Mann gemacht haben.« Eine Frau zog den Mann am Arm weg. »Komm schon, Tomada. Komm und halte deinen närrischen Mund! Willst du, daß die Ogier dich abführen?« Mit einemmal vorsichtig, ließ sich der Mann von ihr fortziehen, zurück in die Menschenmenge.
Coumin kämpfte sich hoch und rannte los, ohne auf das Blut zu achten, das ihm über das Kinn lief.
In der Schenke war es leer und still. Nicht einmal der Wirt war da, oder die Köchin und ihre Gehilfinnen. Coumin rannte durch das Haus und rief: »Charn? Charn? Charn!« Vielleicht auf dem Hinterhof? Charn saß gern unter den Gewürzapfelbäumen hinter der Schenke und erzählte von den Zeiten, als er noch jung gewesen war.
Coumin rannte zum Hinterausgang hinaus, stolperte und fiel auf die Nase. Sein Fuß war an einem herumliegenden Stiefel hängengeblieben. Es war einer von Charns guten roten Stiefeln, die er die ganze Zeit über trug, da er nicht mehr am Besingen teilnahm. Coumin blickte instinktiv nach oben.
Charns weißhaariger Körper hing an einem Seil, das man über einen Firstbalken geworfen hatte. Der eine Fuß war bloß, wo er offensichtlich seinen Stiefel selbst abgetreten hatte. Die Finger einer Hand waren zwischen Hals und Seil eingeklemmt. Er hatte wohl versucht, sich gegen den Tod zu wehren, solange es ging.
»Warum?« fragte Coumin laut. »Wir sind Da'schain. Warum?« Es war niemand da, der die Frage beantworten konnte. Er preßte den Stiefel an seine Brust, kniete auf dem grasbewachsenen Boden und blickte zu Charns Leichnam empor, während der fröhliche Lärm über ihm zusammenschlug.
Rand bebte. Das Licht von den Säulen her war wie ein schimmernder, blauer Vorhang, der ihm schier die Nerven aus der Haut riß. Der Wind heulte - ein enormer Luftwirbel, der alles in sich hineinsog. Muradin hatte es geschafft, den Schleier anzulegen, doch über dessen Rand hinweg starrten leere und blutige Augenhöhlen. Der Aiel kaute heftig. Blutiger Schleim tropfte ihm auf die Brust. Vorwärts.
Charn schritt ganz an der Seite der breiten, belebten Straße entlang, unter dem Blätterdach der Chorabäume, deren dreifingrige Blätter Frieden und Zufriedenheit im Schatten der silbrigen Gebäude verbreiteten, die den Himmel zu berühren schienen. Eine Stadt ohne Chorabäume würde ihm so eintönig wie eine Steppe vorkommen. Jo-Mobile summten leise durch die Straßen, und ein großer, weißer Scho-Flieger schoß über den Himmel. Er beförderte bestimmt Bürger nach Comelle oder Tzora oder in eine der anderen Städte. Er selbst benützte nur selten einen Scho-Flieger. Falls er weit weg mußte, reiste er
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