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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Eile die Stricke zu lösen, mit denen die völlig unbekleidete Gestalt von Emilie Werner an einen der senkrechten Balken befestigt war.
    Nur einen kurzen Blick warfen Beide, der Offizier und der Arzt, auf das unglückliche Mädchen; dann drehten sie sich um, und der Erstere sagte zu den Polizisten: »Hier, mein Mantel! Werfen Sie ihn ihr über! Was wir als Zeugen wissen müssen, das haben wir gesehen. Wenn sie angekleidet ist, so bringen Sie die junge Dame nach dem Hotel Schweizerhaus, wo wir unterdessen alles für sie Nöthige bestellen werde.«
    Sie gingen.
    »Gräßlich!« knirschte Randau vor sich hin. »Sind das Menschen, oder sind es Teufel!«
    »Beides! Denken Sie an Das, was wir bei der Melitta erlebten. Wie viel Elend und Jammer mag sich doch hinter dem Flittertand verstecken, in welchen diese sogenannten Künstler der Wahrheit hohnlachen! Kommen Sie! Mir wird ganz unwohl, wenn ich daran denke!«
    Sie begaben sich zunächst nach dem angegebenen Hotel, welches an ihrem Wege lag, und sodann nach der Polizei, um da Bericht zu erstatten und ihre Anzeige und Aussage zu Protocoll zu geben.
    Dann kehrten sie wieder in das Hotel zurück, wo sie erfuhren, daß man die junge Dame in einer Droschke gebracht und in ein geheiztes Zimmer geführt habe.
    »War ein Arzt da?«
    »Nein. Wir wußten, daß Sie wiederkommen würden.«
    Er ließ sich die Nummer des Zimmers nennen und ging, um nach der Geretteten zu sehen. Es dauerte eine ziemlich lange Zeit, ehe er zurückkehrte.
    »Nun?« fragte der Lieutenant. »Ist Besorgniß nöthig?«
    »Sie lieg im Weinkrampf und giebt keine Antworten. Das so schwer verletzte Schamgefühl tritt in Reaction. Ich habe Schlaf und Schwitzmittel verordnet. Man muß der Erkältung begegnen und dann abwarten, bis das empörte Gemüth sich beruhigt hat. Jedenfalls gehe ich nicht eher fort, als bis das arme Kind transportfähig ist, und dann bringe ich es selbst zu seinen Eltern zurück.«
    Im Laufe des Nachmittags wurde seitens der Polizei angefragt, ob es möglich sei, Fräulein Werner zu vernehmen. Der Arzt verneinte diese Frage und konnte erst am anderen Morgen die Erlaubniß dazu ertheilen.
    Die Vernehmung wurde aus Rücksicht auf Emilie im Hotel vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie, daß der Director mit allen Mitgliedern, deren Mitschuld sich herausgestellt hatte, sich in Untersuchungshaft befinde.
    Sie gab ihre Aussage zu Protocoll und erhielt dann von Seiten des Einzelrichters die Versicherung, daß das an ihr begangene Verbrechen die allerstrengste Ahndung erfahren werde.
    Als der Beamte sich entfernt hatte, bat Doctor Zander, sie nach der Residenz begleiten zu dürfen, ein Anerbieten, welches ihr natürlich in hohem Grade willkommen war.
    Auf dem Bahnhof angekommen, fanden sie, daß sie noch genugsam Zeit hatten. Bevor der Zug abging, mußte erst der aus der Residenz kommende erwartet werden. Und als dieser dann eintraf, und die Passagiere den Wagen entstiegen, bemerkte der Arzt unter den Ausgestiegenen zu seiner Ueberraschung – den Fürsten von Befour und den Reporter Doctor Max Holm.
    Er eilte sofort auf die Beiden zu, indem er seine Begleiterin einstweilen stehen ließ.
    »Durchlaucht hier in Rollenburg?« fragte er. »Handelt es sich vielleicht abermals um die Rettung irgend eines armen, sich in schlimmer Lage befindenden Menschenkindes?«
    Diese Frage war im Scherz ausgesprochen; aber der Fürst antwortete in einem sehr ernsten Tone:
    »Sie haben es errathen, lieber Doctor.«
    »Ah! Wirklich?«
    »Ja.«
    »Nun, ich dachte an die arme Wally Petermann. Aber aus Ihrem Tone höre ich, daß es sich wirklich um etwas Ernstes handelt. Dieses Rollenburg scheint bestimmt zu sein, als Schauplatz von Rettungsepisoden zu dienen. Auch ich bin der Held einer solchen gewesen.«
    »Eben bei jener Wally Petermann, ja.«
    »O nein! Bei dieser Angelegenheit war meine Rolle eine sehr untergeordnete. Es handelt sich hier um einen ganz anderen Fall; aber, eigenthümlich, die betreffende Person ist abermals ein Mädchen aus der Residenz.«
    »Die sich in ähnlicher Lage befand?«
    »Ähnlich, wenn auch nicht ganz so. Sie war einem Circusdirector in die Hände gerathen und –«
    »Meinen Sie etwa gar Emilie Werner?« wurde er schnell von Holm unterbrochen.
    »Ja. Kennen Sie das Mädchen?«
    »Ja. Was ist mit ihr? Sagen Sie schnell, schnell!«
    »Nun, haben Sie keine Sorge! Sie ist gerettet. Dort neben der Thüre steht sie.«
    Holm wendete sich nach der angegebenen Richtung und

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